Rainer Nickel

Plato Romanus

Platonbüste, römische Kopie eines griechischen Originals
Deutliche Spuren von Platons Werken finden sich z.B. in Sallusts De coniuratione Catilinae oder in Senecas Lucilius-Briefen., Foto: © Richard Mortel, CC-BY 2.0

Rainer Nickel

Alle römischen Autoren, die wir kennen, waren Leser und Hörer der Griechen. Daher ist es für jeden, der sich um das Verständnis der Römer bemüht, hilfreich, sie auch als Leser und Hörer der Griechen zu verstehen, die Türen ihrer griechischen Bibliotheken zu öffnen und die Texte zu lesen, die auch sie gelesen haben.
Je gründlicher man diese „Subtexte1 erschließt, desto besser versteht man den Text, den man gerade liest. Das wird zum Beispiel an Ciceros Schriften deutlich, weil sie immer auf seine philosophischen Subtexte verweisen.
Obwohl wir davon ausgehen können, dass Cicero mit den hellenistischen Philosophenschulen, mit Akademie und Peripatos, mit Epikur und der Stoa eng vertraut war, bleibt Platon Angel- und Drehpunkt seines philosophischen Denkens bis weit über die Grenzen seiner im engeren Sinn philosophischen Schriften hinaus: „Darum fordere ich alle, die dazu fähig sind, dazu auf, dem schon erschlafften Griechenland auch auf diesem Gebiet (d.h. auf dem Gebiet der Platon-Rezeption) die Vorrangstellung zu entreißen und in unserer Stadt Rom zu verankern. So haben auch schon unsere Vorfahren alle anderen Dinge, die es wert waren, mit höchstem Engagement (studio ac industria, Tusc. 2,5) zu uns herübergeholt.
Platons Präsenz: Ciceros princeps philosophorum
Wenn Cicero über Recht und Gerechtigkeit,2 über staatliche Ordnung oder über Sinn und Zweck philosophischer Reflexion nachdenkt oder fragt, wie man sich im Dialog der Wahrheit annähern und den Unterschied zwischen Schein und Sein erfassen kann, ist er Sokrates und Platon verpflichtet.3
Die Interpretation der philosophischen, politischen und rhetorischen Schriften Ciceros wird deutlich vertieft, wenn es gelingt, ihre platonisch-akademischen Voraussetzungen zu erfassen. So bleibt z.B. das wichtige Proömium zum fünften Buch der Tuskulanen ohne den Blick auf Sokrates und Platon unverständlich.
Ein weiteres Beispiel: In Ciceros Lucullus (15) findet man eine kurze Beschreibung der sokratischen Ironie: „Sokrates aber hielt sich selbst in seiner Gesprächsführung zurück und ließ vor allem diejenigen reden, die er widerlegen wollte. Indem er auf diese Weise anders redete als er dachte, pflegte er gern jene Verstellung (dissimulatio) zu praktizieren, die die Griechen ,Ironie (εἰρωνεία) nennen. Diese Kunst beherrschte nach Fannius auch Scipio. Weil sie auch schon Sokrates ausgeübt habe, dürfe man sie Scipio nicht als Fehlverhalten vorwerfen.
Was Sokrates unter „Ironie versteht, beschreibt Platon in der Apologie (21b – 22e): Sokrates behauptet seine Unwissenheit. Aber im Gegensatz zu seinen Gesprächspartnern weiß er, dass er nichts weiß. Er zieht daraus die Konsequenz, sich selbst und seine Mitmenschen immer wieder zu prüfen und infrage zu stellen. Denn ein Leben ohne Selbstprüfung sei für einen Menschen nicht lebenswert (Apologie 38a).4
In den Academica 1,15 – 18 beschreibt Cicero Sokrates Gesprächsführung noch etwas ausführlicher: Er habe die Philosophie offensichtlich als erster von den durch die Natur selbst verhüllten Fragen abgebracht und sie in das Alltagsleben geführt und sich den virtutes und vitia, den bonae und malae res zugewandt. Die caelestia hingegen seien für den Menschen nicht nur unerreichbar, sondern auch ad bene vivendum bedeutungslos. „Sokrates ist in fast allen seinen Gesprächen so vorgegangen, dass er selbst keine eigenen Behauptungen aufstellte, sondern nur andere widerlegte und erklärte, dass er selbst nichts wisse – abgesehen davon, dass er nichts wisse. Und er sei den anderen darin überlegen, dass sie zu wissen meinten, was sie nicht wüssten, er aber nur wisse, dass er nichts wisse. Deshalb sei er wohl auch von Apollon als der weiseste aller Menschen bezeichnet worden. Denn dies sei die einzige Weisheit des Menschen, nicht zu glauben, das zu wissen, was man nicht wisse (1,16). Ohne den Subtext der platonischen Apologie wären Ciceros Worte zwar verständlich, aber in ihrer für...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2018

Plato Romanus

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 8-13