Rainer Nickel… perque omnia saecula fama …vivam.

Actaeon, Fresco im Haus des Menander, Pompeji.
Ovid und Actaeon wurden beide von Fortuna zu ihrem verbotenen Blick veranlasst und haben dadurch ungewollt oder irrtümlich eine Gottheit verletzt und deren Zorn erregt., © Jebulon, Public domain

Die Erschließung biographischer Hintergründe

Das Thema des Heftes ist nicht die Biographie als literarische Gattung, sondern die Erschließung biographischer Hintergründe mit dem Ziel, bei der und für die Lektüre vertiefte Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei kommen verschiedene Vorgehensweisen infrage. Mit Blick auf den lateinischen oder griechischen Text als Ausgangsbasis und zentrale Instanz des altsprachlichen Unterrichts ist die Rekonstruktion von Lebensläufen oder biographischen Aspekten aus den Texten der Autoren selbst eine Möglichkeit. Welche Informationen über einen Autor lassen sich unmittelbar aus seinem Text gewinnen? Was gibt er selbst von seinen Lebensumständen absichtlich oder unabsichtlich preis? Es ist daher sinnvoll, aus dem Text selbst ein biographisches Profil des Autors zu erarbeiten (s. den Praxisbeitrag von Anne-Christine Wünsche). Siehe auch die Anregungen zum Profiling bei der Nepos-Lektüre.
Profiling als Inspirationsquelle bei der Nepos-Lektüre

Profiling als Inspirationsquelle bei der Nepos-Lektüre
Die im Praxisbeitrag von Anne-Christine Wünsche vorgestellte Idee des Profilings lässt sich im Lateinunterricht beispielsweise bei Cornelius Nepos anwenden. Dies sei hier an zwei Beispielen gezeigt:
Die Schülerinnen und Schüler stellen fest, was man unabhängig von anderen Informationsquellen aus (1) Catulls Widmungsgedicht und (2) der Praefatio der Epaminondas-Vita über Cornelius Nepos erfährt.
(1) Cornelius N. verfügt über die für die Lektüre der Catull-Gedichte erforderliche Sachkompetenz. Er ist in der Lage, die poetische Qualität der Gedichte richtig einzuschätzen, weil er die Gedichte des Autors schon seit längerer Zeit (solebas, Imperfekt) zu lesen pflegt. Er hat sich bereits als Catull-Experte ausgewiesen. Er selbst verfügt über hohe literarisch-wissenschaftliche Fähigkeiten. Denn er hat es gewagt (ausus es), „als einziger eine Universalgeschichte in nur drei Büchern zu verfassen. Er bewies also nicht nur Mut, sondern auch eine Konzentrationsfähigkeit, Belastbarkeit und Sorgfalt. So qualifiziert er sich als Vorbild auch für künftige Leser. Das Widmungsgedicht bringt eine große Sympathie des Dichters Catull für Cornelius N. zum Ausdruck.
(2) In seinem Proömium zur Epaminondas-Vita fordert der Autor seine römischen Leser ausdrücklich dazu auf (haec praecipienda videntur lectoribus), fremde Sitten, Lebensgewohnheiten und Lebenseinstellungen (mores) nicht mit den eigenen (römischen) Maßstäben zu messen und zu glauben, dass das, was ihnen selbst zu unseriös (leviora) vorkomme, auch bei den übrigen Menschen der Fall sei (1,1). Der Autor erwartet von seinen Lesern also nicht nur Empathie, sondern auch ein ausgeprägtes interkulturelles Bewusstsein, das sich in der Achtung vor dem Fremden ausdrückt. Dass er selbst über die Fähigkeit verfügt, Nicht-Römer vorurteilsfrei zu betrachten und zu beurteilen, liegt nahe.
Der Autor greift hier einen zentralen Gedanken aus der Praefatio zum Gesamtwerk De excellentibus ducibus exterarum gentium (1,2) auf: „Ich zweifle nicht daran, lieber Atticus, dass es sehr viele Leser geben wird, die diese Art der Darstellung für oberflächlich und bei den Persönlichkeiten herausragender Männer für nicht angemessen halten, wenn sie einen Bericht darüber lesen werden, wer Epaminondas Musikunterricht erteilt hat oder dass zu seinen besonderen Fähigkeiten die Beherrschung der Tanzkunst und des kunstvollen Flötenspiels gehörte (1,2). Doch das werden wahrscheinlich diejenigen sein, fährt der Autor fort, die ohne Kenntnis der griechischen Kultur nichts akzeptieren, was nicht ihren eigenen Vorstellungen entspricht (1,3): „Wenn diese Leute es begriffen haben, dass nicht dasselbe für alle Menschen annehmbar und unannehmbar (honesta atque turpia) ist, sondern alles nach den traditionellen Wertmaßstäben der jeweiligen Gesellschaft beurteilt wird, dann werden sie sich nicht darüber wundern, dass ich mich bei der Darstellung der Leistungen und...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 5 / 2018

Biographische Hintergründe

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13