Wilfried

Odi et amo

Gemälde von Poynter Edward, „Lesbia und ihr Sperling“
Einige Motive aus Catulls Liebesdichtung, etwa die Klage über den Tod des Vogels der Geliebten, finden sich später auch bei anderen Dichtern wieder, z.B. bei Ovid und Statius., Foto: © Painters / Alamy Stock Photo

WilfriedLingenberg

Catull im Schulunterricht

Catull ist für viele Schüler nicht nur eine der frühesten, sondern auch eindrücklichsten und vielseitigsten Lektüreerfahrungen des Lateinunterrichts. Der wahrscheinlich mit kaum mehr als 30 Jahren verstorbene Dichter hat ein schmales, aber bemerkenswert wirkungsmächtiges Stück Weltliteratur geschaffen. In den 80er-Jahren des ersten vorchristlichen Jahrhunderts geboren, hat er die Entstehung des Prinzipats und wohl auch den Tod der großen Protagonisten seiner Zeit, Pompeius, Caesar und Cicero, nicht mehr erlebt. Zusammen mit dem philosophischen Lehrdichter Lukrez vertritt er für uns die Dichtung der ausgehenden Republik und markiert in gewisser Weise den Anfangspunkt des Arbeitsfelds „Römische Dichtung überhaupt, denn abgesehen von der altlateinischen Komödie sind von allen Früheren nur noch Bruchstücke erhalten. Wie wenige andere hat Catull das persönliche Empfinden zum Gegenstand seiner Dichtung gemacht, gleichzeitig aber auch, fast beiläufig, Maßstäbe an Kunstfertigkeit und handwerklicher Präzision im Kleinen gesetzt, an denen sich alle kommenden Poeten des römischen Kulturkreises messen lassen mussten.
Die überlieferte Anordnung der Gedichte nach äußerer Form und Versmaß ist etwas künstlich und verdankt sich sicher einer späteren Redaktion, nicht dem Dichter selbst.1 Für die Unterrichtspraxis wird man die Gedichte eher nach verwandter Thematik zusammenfassen.
Möglichkeiten der Zuordnung zu den unterschiedlichen Lektürephasen

Möglichkeiten der Zuordnung zu den unterschiedlichen Lektürephasen
  • Mittelstufe/frühe Lektüre: Liebesdichtung, Spottepigramme, Kleinformen
  • Oberstufe/fortgeschrittene Lektüre: Ganzes Werk einschließlich der langen Gedichte
Liebesdichtung
Der Lesbia-Zyklus wird wahrscheinlich am häufigsten als Ausgangspunkt einer Catull-Lektüre gewählt. Carmen 5, Vivamus, mea Lesbia, atque amemus, etwa führt unmittelbar vor Augen, was Catull einzigartig macht, wenn nach einigen noch eher philosophisch anmutenden Sätzen ab Vers 7 die Hormone explodieren (da mi basia mille, deinde centum, )  – aber zugleich die genau abgezirkelte Form unangetastet bleibt. Hier machen die Schüler nicht nur ihre möglicherweise ersten Schritte in der Interpretation lateinischer Gedichte; der scheinbare Widerspruch zwischen „Gefühlsechtheit und artifizieller Durchformung führt auch früher oder später unweigerlich zur Frage der „Historizität der Darstellung: Hat Catull das wirklich so erlebt? Lässt sich aus den in merkwürdiger Reihenfolge stehenden Bildchen (das resignierende Abschlussgedicht kommt schon an achter Stelle) eine Chronologie der Affäre entwickeln, wenn man sie nur recht ordnet?
Letzteres muss natürlich verneint werden, und man gelangt schnell zur klassischen Trennung von historischer Persönlichkeit und „lyrischem Ich2 – für die wiederum Catull selbst als Kronzeuge angeführt werden kann. Vorwürfen gegen seinen Lebenswandel, die auf seinen Gedichten basierten, tritt er nämlich in c. 16,5f. mit dem Hinweis entgegen: castum esse decet pium poetam / ipsum, versiculos nihil necesse est – man verwechsele nicht das in den Versen Dargestellte mit dem wirklichen Leben des Dichters (die Unmöglichkeit autobiografischer Interpretation erarbeitet ausführlich der Praxisbeitrag von Isabell A. Meske).
Die Trennung von lyrischem Ich und historischer Person dürfte den Schülern freilich heute schon aus dem Deutschunterricht vertraut sein, und vielleicht besteht, wenn die naive Gleichsetzung beider Figuren überwunden ist, sogar die Gefahr, ins entgegengesetzte Extrem zu verfallen und grundsätzlich jeden Zusammenhang zwischen Gedichtinhalten und tatsächlichem Erleben des historischen Dichters zu leugnen. Das ist jedoch genauso unrealistisch;3 die erste der beiden oben formulierten Fragen ist tatsächlich nicht ohne weiteres zu beantworten, und die Diskussion darüber kann durchaus fruchtbar sein und dazu anregen, den Text noch genauer unter die Lupe...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 8-13