Christian Rösch

Naso singt den Blues

Gartenfresko aus dem Haus des Goldenen Armreifs, Pompeji.
Zu Beginn von Bob Dylans Song "Ain't talkin'" wird ein mystischer Garten beschrieben. Die Schüler untersuchen den Zusammenhang zu Ovids Garten, über den er in den Epistulae ex Ponto schreibt., Stefano Bolognini, CC-BY

Christian Rösch

Auf der Suche nach dem verbannten Ovid in Bob Dylans Songtexten

Bob Dylan zitiert in seinen sehnsuchtsvollen Blues-Texten mehrfach Ovids Exilwerke. Zur Wiederholung und Vertiefung am Ende einer Unterrichtsreihe zu Ovids Verbannung lohnt ein Blick auf die Lieder „Workingmans Blues und „Aint Talkin‘“. Die Schüler können dabei erkennen, wie Dylans Songs zu einer Hommage an Ovids Exildichtung werden.

Als das Album „Modern Times im Jahr 2006 erschien, galt es sofort bei Fans und Kritikern gleichermaßen als äußerst gelungenes Folk- und Bluesalbum, ja als eines von Bob Dylans besten Werken. Die amerikanische Musikzeitschrift „Rolling Stone und die britische „Uncut kürten es sogar jeweils zum besten Studioalbum des Jahres. Allerdings entzündete sich ebenso bald eine Kontroverse um die Frage, ob der Songwriter einen zu einfachen Weg eingeschlagen, ja ob er sich sogar des Plagiats schuldig gemacht habe. Die „New York Times belegte nämlich in mehreren Artikeln, dass Dylan wohl nicht wenige Anleihen beim Schriftsteller Henry Timrod (1828 –1867) vorgenommen hatte, der sich als Verteidiger der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg einen Namen gemacht hatte. Andere hingegen sahen es als eine besondere Qualität des heutigen Trägers des Literaturnobelpreises an, dass er gekonnt Versatzstücke anderer Autoren neu zu arrangieren verstand.1 Was die Musik betraf, gingen wiederum auffällig viele Songs auf ältere Kompositionen zurück, auch wenn der Folk- und Bluesmusiker sie mit einem neuen Text ausgestattet hatte.
Während die Diskussion noch in vollem Gange war, veröffentlichte der neuseeländische Autor Cliff Fell einen Artikel, in dem er Folgendes aufdeckte: Er habe gerade „Modern Times gehört und sich gleichzeitig in eine interessante Lektüre vertieft. Plötzlich habe er „mit den Ohren gelesen, d.h. Vieles aus dem Text, den er hörte, in seinem Buch wiederentdeckt. Zuerst glaubte er an einen Zufall, aber er fand immer mehr Stellen, die fast wörtlich übernommen waren. Das Buch, von dem die Rede ist, war eine englische Übersetzung der Exilgedichte des augusteischen Dichters P. Ovidius Naso. Insgesamt finden sich in so gut wie allen Songs auf diesem Album neben einigen wenigen Anklängen an die Amores mehr als 30 Zitate aus den Tristia und den Epistulae ex Ponto2 – wohlgemerkt aus der englischen Übersetzung, sodass die Übereinstimmung mit dieser noch weit größer ist als mit dem lateinischen Original (Tabelle ) – so ist die Zeile „The world has gone black before my eyes aus dem Lied „Nettie Moore viel näher an „The world went black before my eyes als an „Et ante oculos nox stetit alta meos. (Am. 3,5,46).3
Aber geht es wirklich nur um die Übernahme einiger gut klingender Verse? Im hier vorgestellten Unterrichtsentwurf sollen die Schüler der Frage nachgehen, inwiefern Dylan die von ihm verwendeten Anklänge originell in einen neuen Zusammenhang gebracht hat und inwieweit seine Songs mit Ovids Dichtung in einen direkten Dialog treten.
Parallelen zwischen Ovids Exilliteratur und Folk- oder Bluestexten
Eine gewisse Affinität von Bob Dylan zur lateinischen Literatur hatte es wohl schon gegeben, seitdem er an der Hibbing High School in Minnesota das Fach Latein belegt hatte. Schon öfters hatte Dylan die Kombination von „high culture (der Antike) und „popular culture gereizt.4 Interessant ist aber die Frage, warum er gerade bei Ovid seine Anleihen machte. Sicher gibt es schon im Formalen Überschneidungen zwischen der Exilliteratur des augusteischen Dichters und den Texten des Folks oder Blues, in denen oft die Verzweiflung und das Leiden im Mittelpunkt stehen. Sowohl Ovids Dichtung während seiner Relegation als auch ein typischer Dylan-Song sind in der Ich-Form verfasst, d.h. der Autor oder Sänger erzählt jeweils von tatsächlichen oder fiktiven eigenen Erlebnissen, und in beiden Fällen sind diese so stark verallgemeinert, dass auch eine Identifikation des Lesers oder Zuhörers mit der...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13