Edith Schirok

Leben im Exil – Rom

Ovid, Kupferstich von J. Th. De Bry.
Wie Actaeon in seinen Metamorphosen ist Ovid durch Blicke schuldig geworden. Den Vorwurf, ein scelus begangen zu haben, weist er zurück., © picture alliance / akg

Edith Schirok

Mit dem Begriff „Exil, abgeleitet von dem etymologisch ungeklärten Wort exilium, wird heute im Allgemeinen ein freiwilliges Verlassen der Heimat bezeichnet – man könnte auch von „Emigration sprechen1 – oder der Ort, in dem der Exilant Zuflucht gefunden hat. Wird eine solche Aufnahme verwehrt, bleibt den Menschen – wie Medea in der Tragödie von Seneca2 – nur, sich auf der Suche nach einem Unterkommen unablässig als Flüchtende von einem Land in ein anderes zu begeben. Im Gegensatz zur freiwilligen oder scheinbar freiwilligen Emigration beruht eine „Verbannung auf einem verordneten Verweis außer Landes durch eine staatliche Institution.
Formen des Exils
Zu der sehr komplexen, z.T. auch unterschiedlichen, Rechtspraxis während der Republik und der Kaiserzeit müssen hier wenige Hinweise genügen. Zur Zeit der Republik konnte sich ein Angeklagter durch ein freiwilliges Verlassen Roms (exilium voluntarium) einem iudicium populi entziehen und Zuflucht in bestimmten Städten Latiums, später auch außerhalb Italiens suchen und sich dort frei bewegen. Dieses exilire wurde erst dann als Strafe empfunden,3 wenn nach der Flucht zusätzlich eine aquae et ignis interdictio ausgesprochen wurde. Das bedeutete, der Angeklagte wurde für vogelfrei erklärt, Vermögen und das Bürgerrecht wurden eingezogen und bei Rückkehr nach Rom drohte ihm die Todesstrafe. In der Kaiserzeit wurde die Möglichkeit eines freiwilligen exilium durch die Anordnung einer andauernden deportatio oder einer befristeten relegatio ersetzt. Eine deportatio beinhaltete die gewaltsame, lebenslängliche Überführung eines Verurteilten unter Aberkennung aller Rechte auf eine ihm zugewiesene Insel, die relegatio konnte unterschiedlich lange dauern. Bürgerrecht und Teile des Vermögens blieben dem Relegierten erhalten.
Cicero
Blicken wir vor diesem Hintergrund auf die drei römischen Autoren, die Exil am eigenen Leib erfahren haben und mit lateinischer „Exilliteratur im eigentlichen Sinne verbunden werden, so liegen unterschiedliche Formen eines römischen exilium vor.
Cicero verlässt auf Anraten seiner Freunde im März des Jahres 58 v.Chr. zunächst freiwillig die Stadt Rom, um sich einer Verurteilung wegen der Hinrichtung der Catilinarier zu entziehen. Dann aber wird sein Haus auf dem Palatin geplündert und in Brand gesteckt (Dom. 62) und schließlich auf Betreiben des Volkstribuns Publius Clodius Pulcher die aquae et ignis interdictio im Umkreis von 500 Meilen (knapp 750 km) um Rom herum über ihn verhängt und die Konfiszierung seiner Besitztümer festgelegt. Doch gut ein Jahr später beschließen Volksversammlung und Senat seine Rückberufung. Im September 57 kehrt Cicero nach Rom zurück und wird dort, wie er zumindest in seinen Dankesreden an den Senat und das römische Volk ausführt, mit Begeisterung empfangen.
Ovid
Ovid wird – aus welchen Gründen auch immer – durch ein Edikt des Kaisers Augustus im Jahr 8 n.Chr. nach Tomi/Tomis (heute: Constanza) ans Schwarze Meer verbannt. Eine Rückkehr wurde ihm, auch wenn sein Besitz und seine Rechte als römischer Bürger unangetastet blieben und er mit allen literarischen Mitteln an seiner Rehabilitierung arbeitete, verwehrt. Er starb 17 oder 18 n.Chr. am Ort seines Exils.4
Seneca
Bei Seneca handelt es sich um eine vom Senat 41 n.Chr. verfügte, von Kaiser Claudius oder genauer der Kaiserin Messalina initiierte relegatio an einen festgelegten Ort, nämlich auf die Insel Korsika, ohne Veränderung seines Personenstandes. Diese möglicherweise lebenslänglich angedachte Verbannung5 – auch hier bleiben die Gründe unklar – dauerte 8 Jahre. Nach der Beseitigung Messalinas bewirkte Agrippina, die neue Kaiserin, die Rückkehr Senecas und legte damit den Grundstein für seine politische Karriere.
So verschieden die Bedingungen und die rechtlichen Grundlagen des exilium bei den drei Autoren auch waren, so bleiben doch die Erfahrung und die leidvolle Grundsituation vergleichbar, auf eine unterschiedlich...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 5-13