Anne Friedrich

„Hurra, es ist ein Junge!“

Stich von Antonio Tempesta: Telethusa und Ligdus
Kurz vor der Geburt wünscht Ligdus seiner Frau: „minimo ut relevere dolore, utque marem parias.“, Rijksmuseum Amsterdam, Public Domain

Anne Friedrich

Zur Metamorphose der Iphis bei Ovid

Am Beispiel der Iphis-Geschichte in Ovids Metamorphosen (9,666 – 797) lassen sich antike Vorstellungen zu Rolle und Wert von Geschlechtern transparent machen, gut mit unserer heutigen Zeit kontrastieren und heterogenitätsspezifisch hinterfragen, um zu einer Sensibilisierung beizutragen.

Dauerhafte Umwandlung oder temporäres Wechseln des Geschlechts wird in der antiken Literatur und speziell von Ovid des öfteren thematisiert: Man denke an Tiresias, der sieben Jahre als Frau zubrachte, bevor er wieder zum Mann wurde (Met. 3,322 – 331), an die Tochter des Erysichthon, für die eine kurzzeitige Mannwerdung zur Rettung aus misslicher Lage wird (Met. 8,846 – 878), oder auch an die Verwandlung des Hermaphroditus (Met. 4,288 – 383). Daneben widmet Ovid dem Thema zwei umfangreichere Metamorphosen – eine zur Vermeidung von „Liebe, die andere zur Verwirklichung von Liebe. In einer wird Caenis zum Mann, eine junge Frau in Thessalien, die in der Einsamkeit des Strandes durch den Meeresgott Neptun vergewaltigt wurde und einen Wunsch frei bekam: So verwandelte sie sich in einen unverwundbaren Mann, damit ihr Derartiges niemals mehr widerfahre, und wurde zum Lapithen Caineus (Met. 12,171 – 209. 459 – 531). Die andere Metamorphose, Geschlechtsumwandlung zur Verwirklichung von Liebe, erzählt von Iphis.
Iphis bei Ovid
Der Text ist mit circa 130 Versen im Umfang überschaubar und im Schwierigkeitsgrad bereits ab der 10. Jahrgangsstufe zu bewältigen, von der inhaltlichen Vertiefung her jedoch eher für die Sekundarstufe II zu empfehlen. Eine in einzelne Textpassagen aufgeteilte (siehe Gliederung in der Tabelle ) und mit Hilfen und Arbeitsaufträgen ausgestattete komplette Lektüresequenz ist exklusiv für Abonnenten hier im digitalen AU als Download verfügbar, drei zentrale Passagen (Material 8, 10 und 11 sind als Material 1 – 3 ) im Heft abgedruckt. Zur Sicherung des Textverständnisses bietet sich neben der Übersetzung eine variierende Erschließung einzelner Partien durch bilinguale Lektüre, Text-Bild-Vergleich, Wahr-Falsch-Fragen oder Übersetzungsvergleich an.
Um den Erwartungshorizont für die unterrichtliche Behandlung auszuleuchten, wird zunächst die narrative Struktur betrachtet und der Deutungskontext aufgezeigt. Die aufgrund Armut der Familie erwünschte und vorgetäuschte Männlichkeit des neugeborenen Kindes Iphis, die mit 13 Jahren aufkeimende gleichgeschlechtliche Liebe zu Ianthe, die im Folgenden jedoch aufgrund der gesellschaftlichen Normen durch rettenden Eingriff der Göttin Isis ausgelöste Geschlechtsumwandlung bietet dabei vielfache Möglichkeiten, in einem historisch-pragmatischen Zugriff zentrale Rollenbilder für Mann und Frau in der Antike zu untersuchen.
patria potestas
Nahe Knossos lebt in einfachen Verhältnissen der moralisch unbescholtene Ligdus (Stilisierung durch die Attribute: ignotus, ingenua de plebe, inculpatus) mit seiner Frau Telethusa. Zwei Dinge wünscht er seiner schwangeren Frau: eine schmerzarme Geburt und dass sie einen Jungen gebären möge , denn: onerosior altera sors est/ et vires fortuna negat (9,676f.); ein Mädchen müsse er töten, da ihnen das Schicksal die Mittel (zu ihrer Verheiratung) versage. Beide leiden darunter, doch lässt sich Ligdus auch durch die Bitten seiner Frau nicht von diesen mandata abbringen.
pietas matris?
Kurz vor der Geburt des Kindes erscheint Telethusa im Traum die Göttin Isis mit prunkvollem Gefolge und beruhigt sie: pone graves curas, mandataque falle mariti!/ Nec dubita []/ tollere quicquid erit (9,698f.). Als die gottgläubige Telethusa nun ohne Wissen ihres Mannes ein Mädchen zur Welt bringt, lässt sie es, pia fraude einen Jungen vortäuschend, als solchen erziehen, nur die Amme ist Mitwisserin. Vater Ligdus erkennt das Kind an und gibt ihm nach seinem Großvater den auf beide Geschlechter passenden und tatsächlich für griechische Heroen und Heroinen bezeugten Namen Iphis, sehr...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2019

Geschlechterbilder

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 10-13