Annette Bartels

Eine Mücke als Held

Rotfiguriger Krater: Kadmos und der Ismenische Drache.
Die Beschreibung der Schlange im "Culex" erinnert an den Ismenischen Drachen, den Kadmos tötete - doch ist das Ungeheuer, das der alte Hirte bekämpft, vielleicht eher eine Aspisviper?, Foto: © Bibi Saint-Pol / Wikimedia Commons, gemeinfrei

Annette Bartels

Parodistischer Umgang mit Heldendarstellung und -verehrung am Beispiel des pseudovergilischen Culex

Anhand von drei Passagen aus dem Culex erfahren die Schüler Literatur als witziges ästhetisches Spiel. Sie arbeiten im Anschluss an die Aeneis-Lektüre intertextuelle Bezüge heraus, setzen sich mit der Frage auseinander, was einen Helden ausmacht, und erkennen das Mückengrab als Parodie auf das Augustus-Mausoleum.

Gerade nach der Lektüre der Aeneis, deren Protagonisten auf Schülerinnen und Schüler bisweilen recht befremdlich wirken, kann eine Beschäftigung mit der humoristischen „Mücke aus der Appendix Vergiliana für Abwechslung sorgen;1 aber auch innerhalb einer größeren Reihe zu Heldendarstellungen kann sie ihren Platz finden. Dass es sich hierbei um einen humoristischen Text, um ein Spiel handelt, wird bereits im Proömium klar (lusimus 1; 3; per ludum 4). Der Culex ist eine Literaturparodie u.a. auf die Werke Vergils, zielt aber auch auf Außerliterarisches wie den Bau des Augustus-Mausoleums.2
Die Handlung des 414 Verse umfassenden Epyllions, das in der neueren Forschung überwiegend in die Regierungszeit des Tiberius datiert wird, ist schnell zusammengefasst: Der Stich einer Mücke lässt einen Hirten aus seinem Mittagsschlaf aufschrecken, und er erschlägt sie. Durch den Stich aber ist er gerade noch rechtzeitig erwacht, um eine sich ihm nähernde Schlange bemerken und sie ebenfalls töten zu können. Im Traum erscheint ihm später die effigies der Mücke und beklagt die Undankbarkeit des Hirten. Dieser errichtet ihr daraufhin ein prächtiges Grabmal.
Der Culex im Unterricht
Folgende Gründe sprechen für eine Lektüre des Culex im Unterricht:
  • Parodistische Texte kommen im Literaturunterricht generell zu kurz, obwohl in der Alltagswelt parodistische Textformen und satirische TV-Formate einen großen Raum einnehmen und daher die Analyse, wie eine humoristische Wirkung erzielt wird, durchaus relevant ist.
  • Intertextuelle Bezüge lassen sich (im Anschluss an die Aeneis) leicht herausarbeiten, Literatur wird als witziges ästhetisches Spiel erfahrbar.
  • Der Text hat als Parodie, die auch aus heutiger Sicht leicht nachzuvollziehen ist, auch für Schüler einen gewissen Unterhaltungswert.
  • Es wird deutlich, dass auch die Römer die Heldenverehrung nicht nur ernst genommen haben.
  • Die Darstellung der Mücke regt zu einer Auseinandersetzung damit an, was einen Helden ausmacht.
  • Durch das Augustus-Mausoleum bietet sich die Möglichkeit, ein archäologisches Zeugnis mit einzubeziehen.
  • Verglichen mit epischen (oder auch elegischen) Texten lässt sich mit einer relativ kleinen Textmenge inhaltlich viel herausarbeiten.
Besonders drei Passagen eignen sich: 1) „Kampf des Hirten, 2) Anfang und Ende der Mückenrede, 3) Beschreibung des Grabmals. Weitere Kürzungen oder auch Erweiterungen sind problemlos möglich; im Anschluss an eine Vergil-Lektüre kann die Auswahl z.B. davon abhängig gemacht werden, ob die parodierten Stellen der Aeneis Unterrichtsgegenstand waren. Auch die Behandlung einzelner Textstellen als parodistische Umformung von Aeneis-Passagen im Rahmen einer Vergil-Lektüre bereichert den Unterricht.
Kampf des Hirten
Als Einstieg in den Culex eignet sich besonders die Schlangenbeschreibung, mit der der „Kampf des Hirten eingeleitet wird (Material 1).3 Da die Passage lang und sprachlich anspruchsvoll ist, empfiehlt sich die zweisprachige Behandlung (bei Zeitmangel kann auch der anschließende „Kampf zweisprachig bearbeitet werden, Material 2, vgl. auch die Übersetzungen). Hier lässt sich gut die parodistische Übertreibung erkennen, da ein wahres Ungetüm gezeigt wird, obwohl es sich doch um eine gewöhnliche Schlange handelt.4
Übertreibung der Schlangenbeschreibung
Um die komische Übertreibung herauszuarbeiten, bietet sich ein Vergleich mit einer schon damals in Italien vorkommenden Schlangenart wie der Aspisviper an (Sachtext, Material 1). Es zeigt sich, dass bestimmte Merkmale durchaus...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 6 / 2017

Helden und Antihelden

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 11-13