Nicole Strobel

Ein männlicher Held? – Achill in Catulls carmen 64

Gemälde von Joseph Stallaert, „Die Opferung Polyxenas auf dem Scheiterhaufen des Achilles“
In c. 64 werden Achills Heldentaten aus der Perspektive der Opfer dargestellt, u.a. der Jungfrau Polyxena., Foto: © Peter Horree / Alamy Stock Foto

Nicole Strobel

Anhand von Auszügen aus dem Film „Troja beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Frage, was einen Helden ausmacht. Sie erarbeiten das Bild, das Catull in c. 64 von Achill erzeugt, und erkennen, wie der Dichter die Heldentaten aus der Perspektive der vor allem weiblichen Opfer darstellt und dadurch ambivalent inszeniert.

Catull erfreut sich als Schulautor großer Beliebtheit. Dies liegt unter anderem daran, dass seine Sprache relativ einfach ist, vor allem aber an seiner Lebensnähe und seinem vielfältigen Gegenwartsbezug. Wird Catull jedoch in der Schule gelesen, so beschränkt man sich häufig auf seine kürzeren Gedichte, insbesondere auf diejenigen, in der seine Liebe zu „Lesbia thematisiert wird. Darüber hinaus hat der Autor aber noch mehr zu bieten. Gerade die carmina maiora (c. 61 – 68), die oft aufgrund ihrer Länge, aber auch ihres inhaltlichen und sprachlichen Anspruchs wegen unberücksichtigt bleiben, enthalten lohnende Textpassagen. Sie zeigen andere Facetten dieses Autors und bieten Stoff für interessante Diskussionen. So wird in Catulls carmen 64, einem sogenannten Epyllion („Klein-Epos), die mythische Hochzeit des thessalischen Königs Peleus mit der Meeresnymphe Thetis dargestellt. Auch weitere heroische Mythen wie das Argonauten-Epos und die Liebesgeschichte von Theseus und Ariadne werden aufgegriffen. Vor allem die Wechselbeziehung der Leitmotive amor und virtus steht im Mittelpunkt.1 Das Konzept der virtus soll hier aufgriffen und beleuchtet werden.
Das Herzstück des Epyllions bildet das Hochzeitslied der Parzen, die dem Brautpaar das Leben ihres Sohnes Achill prophezeien und zugleich den Schicksalsfaden weben (V. 338 – 375). Eine Beschäftigung mit dieser Passage bietet viele spannende Anknüpfungspunkte für den Unterricht: Achill ist eine der am häufigsten rezipierten Figuren der Antike und auch heute noch bekannt. Man könnte ihn zudem als Archetyp eines Superhelden bezeichnen. Wie Superman oder ähnliche Gestalten besitzt er übermenschliche Kräfte und ausgezeichnete Kampftechniken. Doch selbst in der Antike wurde Achill schon ambivalent betrachtet.2 Bei einer genaueren Analyse von Catulls c. 64 zeigt sich eine kritische Sicht auf dessen Verhalten. Es ergeben sich viele aktuelle Fragen: Was ist eigentlich ein Held? Brauchen wir Helden? Ist es männlich, ein Held zu sein? Die aktuellen Verfilmungen diverser Superhelden-Comics3 zeigen, dass ein großes Interesse an solchen Figuren besteht.
Achill in Catulls carmen 64: Vorbild oder grausamer Schlächter?
Catull, der als „Dichter der Liebe4 im Kreis der sogenannten Neoteriker im ersten vorchristlichen Jahrhundert eine moderne Dichtung schuf, liefert uns die erste extensive Rezeption des Helden in der römischen Literatur. Er stellt Achill nur in der oberflächlichen Betrachtung als Heros mit den üblichen Epitheta wie Mut und Schnelligkeit dar. Zwar versieht er ihn mit Attributen des mannhaften Kriegers, dessen größte Kunst im Töten besteht. Aber Catull zeigt Achills Heldentaten vor allem aus der Perspektive seiner Opfer, die seine Grausamkeit hervorheben. Zudem liefert er keinerlei Erklärungen für Achills grausames Handeln: Der Streit mit Agamemnon oder der Kampf gegen Hektor bleiben unerwähnt.
Catulls Perspektive ist zugleich auch die weibliche Sicht: die Sicht alter, Mitleid erregender Mütter, die ihre gefallenen Söhne beklagen, und die Sicht der auf Achills Grab getöteten Jungfrau. Durch den Wechsel der Perspektive liegt die Sympathie der Rezipienten bei den Opfern. Die Darstellung des Neoterikers gipfelt in der Opferung der Polyxena, die über zwei Strophen ausführlich mit grausamen Details geschildert wird. Diese Zeuginnen verdeutlichen den Preis des heroischen, maskulinen Prinzips und machen dessen Defizite deutlich.
Eine negative Deutung der Achillfigur Catulls wurde in Teilen der Forschung zuweilen bezweifelt.5 Neuere Arbeiten haben jedoch nachgewiesen, dass der Dichter durch die Auswahl...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-12