Isabell A. Meske

Die Natur als Spiegel und Mahnung für die Gestaltung menschlichen Lebens

Allegorische Darstellung des Winters, Ausschnitt aus einem Fußbodenmosaik mit den vier Jahreszeiten, Saint-Romain-en-Gal.
Allegorische Darstellung des Winters, Ausschnitt aus einem Fußbodenmosaik mit den vier Jahreszeiten. Fundort: Saint-Romain-en-Gal., Foto: © akg-images / CDA / Guillot

Isabell A. Meske

Q. Horatius Flaccus' fast barockes carmen 1,4

Die Lernenden untersuchen Horaz' carmen 1,4 als bildgewaltiges Naturgedicht mit seiner literarisch-motivischen Wirkungsgeschichte. Sie analysieren es bildorientiert und vergleichen die Motive mit Barocklyrik, die auf Horaz rezeptionsgeschichtlich aufbaut. Sie deuten die Textaussage philosophisch unter der Leitfrage: Welche Rolle und Bedeutung hat der Mensch in der Natur?

Das Verhältnis des Menschen zu Natur und Göttern wird von Philosophen diskutiert, Dichter besingen es. Antike Autoren beschreiben den Menschen meist als Geschöpf mit gottähnlichen Fähigkeiten, das körperlich dem Kreislauf alles Irdischen unterworfen ist.
Eine Entdeckung menschlicher Natur in der Umwelt, eine lyrisch gestaltete Beziehung des menschlichen Mikrokosmos zum Makrokosmos findet sich in der antiken Dichtung, anders als in der neuzeitlichen, häufig nicht. Philosophisch wird sie (dichtend) diskutiert, bleibt allein Gegenstand kognitiver Reflexion. Antike Naturdichtung zeigt einen Menschen, der vorrangig biologisch funktioniert, also wahrnimmt und lebt, aber denken und gestalten kann. Die Natur als Landschaft ist wild, unberührt, ursprünglich, auch paradiesisch, dann wieder ein Ort für die gestaltenden Hände des pflügenden Landwirts. Gefühl wird nicht in ihr gespiegelt, sondern direkt oder als physische Reaktion dargestellt. Eine lyrische Beziehung zwischen Mensch, Natur und Kosmos, gar eine Natur als Spiegel menschlichen (Er-) Lebens und Gefühls wird der Literatur der Neuzeit, nicht der Antike zugeordnet.
Zur Intention dieser Lektüresequenz
Horaz als Erfinder und Vorbild moderner Lyrik
Eine Ausnahme ist mit Horaz der Dichter, der die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur in ihren Anfängen am nachhaltigsten geprägt hat; denn es ist üblich, viele Motive der Barocklyrik auf ihn zurückzuführen. Im Unterricht findet die Betrachtung häufig anachronistisch statt: Lernende sehen zuerst im Deutschunterricht die naturbezogen belebte kontrastreiche barocke Bildsprache in Vergleich, Symbol und Emblem. Sie lernen Motive der Epoche wie vanitas, memento mori, carpe diem oder prodesse et delectare kennen. Sie erfahren aber meist nicht, dass diese und andere Prinzipien barocker Lyrik in der vergleichenden, mal nachahmenden, mal abgrenzenden Auseinandersetzung mit römischen Vorgängern entstanden sind. Befördert wird dies dadurch, dass Sprache und Stil des Barock als fremd erlebt werden, sodass die Epoche weniger intensiv als spätere behandelt wird.
Die Auseinandersetzung mit dem Ursprung der Bilder und Motive neuzeitlicher deutschsprachiger Dichtung bietet deshalb zwei Gelegenheiten für den Lateinunterricht: Zunächst kann ein weniger zentraler, stilistisch und inhaltlich jedoch vielseitiger Autor im Unterricht eingebracht werden. Der Kanon in den späten Jahrgängen der Lektürephase (Sek. II) wird so durch die Naturlyrik erweitert, die die übliche Liebeslyrik ergänzt. Es lassen sich komparatistische Querbeziehungen begründen, die den Grundlagenwert des Lateinischen für die moderne Kultur etwa an der Entwicklung nationalsprachlicher Literatur aufzeigen. Dieser kann fächerverbindend ausgestaltet werden: Vorbild (Horaz) und Abbild (Barocklyrik) können sinnhaft aufeinander bezogen werden.
Carmen 1,4: Solvitur acris hiems
Horaz Gedicht bietet im ersten Teil (Str. 1 – 3) strukturell und inhaltlich fast klassische Naturlyrik:
Str. 1: Der Wechsel der Jahreszeiten führt zum Erwachen des menschlichen und tierischen Lebens aus der Winterstarre . Die menschlichen Werke gehen im Frühjahr voran  , nachdem Frost und Winterstürme sie eingeschränkt oder verhindert hatten. Nutztiere erhalten ihre Bewegungsfreiheit zurück.
Str. 2: Ein weibliches Freudenfest der Jugend, Schönheit, Liebe und Fruchtbarkeit wird mit den entsprechenden göttlichen Mächten – Venus, den Grazien und den Nymphen – unter dem Frühlingsvollmond als Zeichen der Zeit und biologischer Rhythmen...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2020

Mensch und Umwelt

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 11-13