Jochen Sauer

Der römische Staat und seine Staatsmänner

Stich aus einer Ausgabe von Cicero, De re publica, 1846: Tubero, Rutilius, Manilius, Laelius, Scipio, Philus, Fannius, Scaevola und Mummius.
Der Kreis um Scipio und Laelius führt in Scipios Gärten, so Ciceros Fiktion, das Gespräch über das Gemeinwesen., http://tripota.uni-trier.de; Sammlung: Universitätsbibliothek Trier. Portrait aus: Cicero, Marcus Tullius: De re publica. Hrsg. von Angelo May. Romae: Typis S. Consili Prop. Fidei, 1846. Signatur: 99=af2530

Jochen Sauer

Mit Verstand und Entscheidungskraft zum stabilen Gemeinwesen (Cicero, De re publica 2)

Anhand von Auszügen aus De re publica befassen sich die Schüler mit den Leistungen Catos und Romulus und dem Modell des römischen Gemeinwesens im Vergleich mit den griechischen Stadtgründungen. Dabei arbeiten sie heraus, was nach Cicero einen guten Staatsmann ausmacht und wie sich ein Staat entwickeln sollte, um Stabilität zu erlangen.

Ciceros Werk De re publica wird im Unterricht meist unter der Frage nach der idealen Staatsform gelesen, wobei die ciceronisch-polybianische Theorie der Mischverfassung im Zentrum steht. Die Begegnung mit römischen Werten und beispielhaft handelnden Personen (Exempla) ist dagegen meist der Lektüre von Sallust, Cornelius Nepos oder Titus Livius vorbehalten. Dabei spielen auch in Ciceros staatstheoretischen Schriften vorbildhafte Personen, die das römische Gemeinwesen geschaffen und gefestigt haben, eine zentrale Rolle: So entfaltet die Hauptfigur in De re publica, Scipio Africanus, im zweiten Buch eine Entstehungsgeschichte dieses, so seine Überzeugung, besten aller Gemeinwesen: Die „Archäologie Roms,1 die mit Romulus beginnt, referiert die römische Geschichte in einer strengen Auswahl, die am Argumentationsziel ausgerichtet ist, dass sich Rom mit der Zeit zu einem idealen Staat entwickelt habe. Es lohnt sich, Ciceros Blick auf die Staatsgenese und die beteiligten Protagonisten zu verfolgen, um in Auseinandersetzung mit diesem Konzept Besonderheiten unserer eigenen Staatsordnung zu reflektieren.
Dabei lassen sich folgende Erkenntnisse gewinnen:
  • 1)Cicero sieht die Leistung der großen römischen Staatsmänner in ihrem treffsicheren Entscheiden und Handeln, basierend auf ihrem Verstand. Sie stehen also nicht primär für virtus-, fides- oder pietas-Handeln.
  • 2)Ciceros zeichnet ein dynamisches Modell des römischen Gemeinwesens: Der römische Staat habe sich durch das rechte Augenmaß zahlreicher Staatslenker sukzessive entwickelt; er sei nicht auf dem Reißbrett entstanden. Auch in der Gegenwart müsse das römische Gemeinwesen in ähnlicher Weise, wie dies in der Vergangenheit geschah, bisweilen durch leichte Veränderung der bestehenden Gesetze ins Gleichgewicht gebracht werden.
  • 3)Die beiden Beobachtungen sind Anlass, zum einen die Frage aufzuwerfen, was für die Schülerinnen und Schüler einen guten Staatsmann ausmacht, und zum anderen den Sachverhalt zu diskutieren, inwiefern ein moderner Staat sich fortwährend verändern muss, um neuen Herausforderungen gerecht zu werden, und welche Institutionen ein moderner Staat hierfür bereithält.
Einleitend soll ein Überblick über die komplexe Erzählstruktur von De re publica gegeben werden.
Der Erzählraum von Ciceros Schrift De re publica
Die folgende Grafik (Abb. 2 ) soll den Erzählraum von De re publica veranschaulichen: Jedem Buch ist eine praefatio vorangestellt, in welcher der ciceronische Ich-Erzähler seinen Bruder Quintus adressiert (grau). In der praefatio des ersten Buches berichtet Cicero, er habe von Rutilius Rufus den Bericht über ein Gespräch erhalten, das er im Folgenden wiedergeben werde. Dieses Gespräch wird als erzählter Dialog referiert und bildet fast die gesamte Schrift (hellblau). Cicero datiert das Gespräch auf das Jahr 129 v.Chr. Innerhalb des Dialogs verweisen einzelne Dialogpartner, insbesondere die Hauptfigur Scipio (Abb. 1 ), auf Diskurse in der Vergangenheit:
  • die Erklärung der archimedischen Sphärenkugel durch Gallus,
  • die auf Cato den Älteren zurückgeführte origo populi, mit der sich dieser Artikel beschäftigt,
  • die karneadeische Debatte für und gegen die Gerechtigkeit (Abb. 2 , rot umrahmt).
Diese Diskurse stellen Ressourcen für das Gespräch der Dialogpartner dar. Am Ende der Schrift befindet sich schließlich das Somnium Scipionis.
Die Grafik macht deutlich, dass Cicero sich in De re publica nicht einer einzigen, sondern zahlreicher „Ressourcen aus der Vergangenheit bedient....
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 6 / 2016

Cicero

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 11-13