Stephan Flaucher

„Dass ich die Heimat und euren Anblick entbehre, Freunde, und hier unter dem skythischen Volk lebe, beklage ich.“

Stich: schwer gepanzerte Reiter.
Immer wieder fallen Ovid zufolge Barbaren in die Gegend ein, rauben, zerstören, machen Gefangene und verbreiten so Angst und Schrecken. Ausgerechnet an einen solchen Ort wurde er verbannt. Beim Leser kann nur ein Gedanke entstehen: Die Strafe ist viel zu grausam., aus: A history of all nations from the earliest time (Philadelphia/New York), S. 170

Stephan Flaucher

Ovid, ein Dichter im Exil

Die Schüler gewinnen anhand von drei Elegien der Tristien Einblick in zentrale Themen der Exildichtung Ovids. Sie werden mit den existenziellen Erfahrungen eines Exilanten konfrontiert und erkennen, wie der lusor amorum diese auf seine ganz eigene Art verarbeitet.

Ovid lebte als gefeierter Dichter in Rom, als ihn im Jahr 8 n.Chr. ein Edikt des Kaisers Augustus traf, durch das er in die Verbannung nach Tomis ans Schwarze Meer getrieben wurde (vgl. hierzu den Basisartikel von Edith Schirok). Dort entstand sein Spätwerk, die fünf Bücher Tristia und die vier Bücher Epistulae ex Ponto mit zusammen etwa 100 Elegien. Darin begegnen in Variation immer wieder die gleichen Themen: die Klage über den unangenehmen Verbannungsort in einer unzivilisierten Gegend, die physischen und psychischen Leiden des Verbannten, der Aufruf an Freunde und Familie in Rom, ihn weiterhin zu unterstützen und die Bitte an Augustus, ihm einen anderen Verbannungsort zuzuweisen. Ovid hat mit Sicherheit an seiner Situation gelitten, aber in beiden Werken wird auch mit einer literarisch überformten Darstellung des Exils gearbeitet. Die Dichtung ist für ihn eine Form der Selbstbehauptung, durch sie blieb er in Rom präsent, arbeitete weiter an seinem unsterblichen Ruhm als Dichter und trotzte so seinem Schicksal.
Konzeption der Unterrichtsreihe
In der vorliegenden Unterrichtsreihe gewinnen die Schüler exemplarisch Einblick in zentrale Themen der Exildichtung Ovids:
  • das Exil als Einschnitt in die gewohnte Lebenswirklichkeit
  • die Empfindungen eines Exilierten
  • die sozialen Folgen
  • die Versuche, das Leben im Exil zu bewältigen.
Hierbei sollen die Schüler auch für die literarische Überformung sensibilisiert werden.
Im Mittelpunkt steht die detaillierte Originallektüre von Textpassagen aus drei Elegien der Tristien. Zur Vertiefung werden Texte aus den Tristien und den Epistulae ex Ponto vorgeschlagen, die Grundthemen der Exilliteratur Ovids aufgreifen und variieren und die, weitgehend zweisprachig, in Auswahl im Unterricht eingesetzt werden können.
Übersicht über die behandelten Texte und Themen
Übersicht über die behandelten Texte und Themen
Tristia
  • 4,10,81 – 132: „Autobiographischer Rückblick auf die Verbannung
  • 1,3: Erinnerungen des Exilierten an seinen Abschied aus Rom
  • 5,7: Sprachnot und soziale Vereinsamung im Exil
fakultativ:
Tristia
  • 3,4,47 – 78: Unwirtlichkeit des Verbannungsortes; Verhältnis zu Ehefrau und Freunden
  • 3,10: Leben unter Barbaren
  • 4,1,1 – 56: Dichtung als Trost
  • 4,3: Situation der Ehefrau
Epistulae ex Ponto
  • 3,2: Freundschaft (Cotta Maximus)
Die Ergebnisse werden von den Schülern schrittweise in Tabellen unter folgenden Gesichtspunkten festgehalten:
  • Beschreibung des Verbannungsortes
  • Selbstaussagen über seine Verfassung
  • Aussagen über die Familie und Freunde
  • Rolle der Dichtung.
Einstieg
Die Schüler betrachten als Einstieg in die Unterrichtsreihe die Karte des römischen Reichs, auf der die Orte Rom und Tomis markiert sind, um die große räumliche Distanz zwischen den beiden Orten zu erfassen. Anschließend äußern sie Ideen, was die Verbannung für Ovid bedeutet und was er dabei empfunden haben könnte. Im Anschluss kann man, auch ausgehend von den Titeln, Vermutungen darüber anstellen lassen, welchen Inhalten sich der Dichter in seinem weiteren Werk zugewandt hat.
Tristia 4,10
Zunächst soll betrachtet werden, wie Ovid den Einschnitt in seinem Leben in dieser Elegie, die eine Autobiografie beinhaltet, darstellt. Er verknüpft dort das Thema mit dem des Todes seiner Eltern, indem er sie glücklich preist, dass sie sein Exil nicht mehr erleben müssten (V. 81/82). Auch er habe Glück gehabt, dass er nicht zu ihren Lebzeiten ins Unglück geraten sei (miser sum), weil er ihnen so keinen Kummer bereite (V. 83/84). Die Emotionalität der Passage wird noch gesteigert, wenn er sich vorstellt, dass die Schatten seiner Eltern in der Unterwelt...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 10-13