BORIS DUNSCH

Constitui vincere dolorem tuum

Seneca-Statue von Mateo Inurria.
Exil ist nach Seneca letzlich nichts als eine commutatio loci. Um sich von einem solchen Schicksalsschlag nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen, empfiehlt Seneca die praemeditatio futurorum malorum., © José Luis Filpo Cabana, CC-BY 4.0

BORIS DUNSCH

Senecas Trostschrift Ad Helviam matrem als themenorientierte Lektüre

Senecas Ad Helviam eignet sich sprachlich und inhaltlich gut für eine themenorientierte Oberstufenlektüre. In einer kritisch reflektierten Auseinandersetzung mit dem Text wird im Unterricht in stoisches Denken eingeführt, nach der Funktionalität des Textes gefragt und zugleich eine Liste mit konkreten Vorschlägen für die Bewältigung der Exilsituation erarbeitet.

Die Lektüre Senecas nimmt im Unterricht zu Recht einen wichtigen Platz ein.1 Allerdings verdient die Trostschrift, die er im Exil auf Korsika für seine Mutter Helvia verfasst hat, mehr Aufmerksamkeit, größere Präsenz in Textsammlungen2 und eine neue Schulausgabe.3 Das Werk stellt keine größeren sprachlichen Anforderungen als die Epistulae morales, ist inhaltlich gut erschließbar und behandelt eine aktuelle Thematik (Erfahrung und Bewältigung von Heimatferne). Daher eignet es sich für eine thematische Lektüre auf der Sekundarstufe II. Der Umstand, dass Ad Helviam nicht nur als Lektüre zum Thema „Grundfragen der menschlichen Existenz unter den Aspekten „Exil und seine Bewältigung oder allgemeiner „Trost und Tröstung (Philosophie als Psychotherapie oder Seelenleitung4 bzw. Psychagogie) eingesetzt werden kann,5 sondern auch zum Thema „antikes Frauenbild,6 macht diese Schrift besonders reizvoll (Gliederung und Kernaussagen des Werks: ). Material 1 bietet, dem Schwerpunkt des Heftes entsprechend, eine Textauswahl, die am ersten Thema orientiert ist.
Der gedankliche Zusammenhang von Senecas Argumentation
Zu Beginn (T1 auf Material 1; Ad Helv. 1,1) wendet Seneca sich an die Adressatin: Militärische und medizinische Sprache verdeutlichen, worauf es im Folgenden ankommt, fortunam vincere und obligare vulnera – als schwerverletzter Soldat schleppt er sich zur Mutter wie zu einem Kriegskameraden, um ihre Wunden zu verbinden. Seneca hat also zwei Ziele: dem eigenen Schicksal den Stachel nehmen und seine Mutter trösten. Dies entspricht der Gliederung, die er in der partitio gibt (T3): Er habe sich vorgenommen, ihren Schmerz zu besiegen, indem er zeigen werde, dass er selbst nichts Schlimmes erleide und dass auch ihr Schicksal, das sich ganz aus seinem ergebe, nicht schwer sei.
Richtiges Vorgehen beim Trösten
Allerdings habe er zunächst gezögert, fährt er fort (T1; Ad Helv. 1,2), da frischer Schmerz durch den Versuch unzeitigen Trostes verschlimmert werden könne. Auch sei seine Schrift eine Novität: Nach Lektüre aller Vorgänger im Bereich der consolatio habe er keinen gefunden, der die Seinigen tröstete, während es sein eigenes Los war, das von ihnen beklagt wurde. Noch gewichtiger, stellt er dann (T1; Ad Helv. 1,3) fest, sei der Umstand, dass ihm als akut Leidendem seine rhetorischen Fähigkeiten nicht mehr voll zur Verfügung stünden – er nennt den dilectus verborum (nach Cic., Brut. 253 die origo eloquentiae) und die vox (integraler Bestandteil der actio, vgl. Cic., Inv. 1,9). Als einer, der sein Haupt vom Scheiterhaufen erhebe, müsse man aber neue Worte der Tröstung finden und könne nicht auf die üblichen zurückgreifen.7 Daher wolle er sich nicht auf sein rednerisches Talent verlassen, sondern als Tröstender selbst die wirksamste Tröstung sein (T1; Ad Helv. 1,4). Nicht mit Worten also will Seneca seine Mutter letztlich von ihrer Trauer abbringen, sondern durch die Kraft seiner Persönlichkeit, unter Berufung auf ihr enges Verhältnis.
Alte Wunden
Schon in diesen ersten Abschnitten präsentiert Seneca im Kern das Programm seiner Trostschrift. Zugleich gelingt es ihm, sich geschickt als tapfer Leidenden zu inszenieren und sich als Innovator der Gattung consolatio zu empfehlen, während er vordergründig über das Leid seiner Mutter spricht und die früheren Schicksalsschläge in 2,4f. entfaltet: Während der Geburt Helvias sei ihre Mutter gestorben, aufgewachsen sei sie unter einer Stiefmutter, ein Onkel sei gestorben, darauf binnen Monatsfrist ihr Mann,...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 11-13