Rainer Nickel

Cicero und Caesars clementia

Tempel der clementia Caesaris auf einer römischen Münze.
Der clementia Caesars sollte laut Plutarch ein Tempel errichtet werden. Es sind Münzen erhalten, auf denen ein Tempel und die Inschrift clementia Caesaris zu sehen sind., © Nomos AG, Nomos Auktion 14, Los 289, Mai 2017

Rainer Nickel

Der Brief als Lebenszeugnis und als Mittel politischer Propaganda

Auszüge aus Ciceros Briefen Ad familiares und Ad Atticum, Caesars Bellum Civile und Ciceros Pro Marcello können vernetzt gelesen werden und bieten einen Blick sowohl auf Caesars als auch auf Ciceros Handeln und somit punktuelle Einblicke in ihre Biographien.

Die Vernetzung einiger Briefe Ciceros mit Caesars Bericht über den Bürgerkrieg und Ciceros Rede für Marcellus im Rahmen des Heftthemas „Biographische Hintergründe ergibt sich aus der in diesen Texten reflektierten clementia-Politik Caesars.
  • Ciceros Briefe sind nicht nur wichtige Quellen der Geschichtsschreibung, sondern auch Zeugnisse seiner Biographie, indem sie über die Motive seines Handelns und seine Einschätzung der historischen Situation im Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Caesar Auskunft geben.
  • Mit dem Bellum civile beschreibt Caesar die clementia als den moralischen Kern seiner Versöhnungspolitik.
  • In seiner Rede Pro Marcello tritt Cicero für einen ehemaligen Gegner Caesars ein. Er nimmt Caesar beim Wort, indem er an seine clementia appelliert.
Die Ausgangslage
Für Cicero bestehen die Ereignisse der Jahre 49/48 in einer Verkettung von nostalgischer Loyalität gegenüber Pompeius, grandioser Fehleinschätzung der tatsächlichen Machtverhältnisse und bedenkenloser Instrumentalisierung seiner Person durch Caesar. Eine bis in die Jahre 48/47 fortwirkende Schlüsselrolle spielt Ciceros Trauma seiner Vertreibung aus Rom in den Jahren 58/57: Sein Verhalten gegenüber Caesar und Pompeius ist dauerhaft von seiner Dankbarkeit gegenüber den Menschen geprägt, die ihm seine Rückkehr ermöglichten. Cicero begrüßt Caesars clementia-Politik, weil er darin die Chance einer Verständigung zwischen Caesar und Pompeius sieht, die ihm die Hoffnung auf den Fortbestand der res publica und die Verstärkung seiner eigenen politischen Rolle zu eröffnen scheint. Dass er im Spiel der Mächtigen nur dazu benutzt wurde, diese in ihrem Propagandafeldzug zu unterstützen, hat er nicht durchschaut. Entgültig scheitert Cicero dann im Jahr 43 an seiner Fehleinschätzung der machtpolitischen Verhältnisse und gegenüber Caesar-Nachfolger Octavian.
Caesars Menschenfreundlichkeit
Laut Plutarch (Caesar 8) entgeht Caesar nach seiner Rede im Senat zugunsten einer fairen Behandlung der Verschwörer des Jahres 63 (Sallust, Cat. 51) knapp einem Anschlag auf sein Leben. Der Consul Cicero kann gerade noch verhindern, dass es nach der Senatssitzung zu einer Gewalttat kam. Deshalb wird ihm später vorgeworfen, er habe die günstige Gelegenheit nicht genutzt, Caesar aus dem Weg zu räumen.
Später bringt Plutarch (Caesar 13) Caesars Menschenfreundlichkeit erneut ins Spiel: Es gelingt Caesar, ein Bündnis zwischen ihm, Pompeius und Crassus zu schmieden.
Ein Propagandafeldzug
Ciceros Briefe (Material 1 , Texte 1 – 5) vermitteln einen ersten Eindruck von dem Machtkampf zwischen Caesar und Pompeius in den Jahren 49/48 v.Chr., der nicht nur mit Waffen ausgetragen wird, sondern auch ein Propagandafeldzug ist. Das Leitmedium dieser Propaganda ist der Brief. Wie der ältere Plinius (Nat. hist. 7,91) erzählt, soll Caesar seinen Schreibern täglich vier bis sieben Briefe gleichzeitig diktiert haben.
Sowohl Caesar als auch Pompeius versuchen, Cicero auf ihre Seite zu ziehen und sich seiner rhetorischen Fähigkeiten zu bedienen, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Weil Cicero den Bürgerkrieg verabscheut (Text 1), ist er lange unschlüssig, für wen er Partei ergreifen soll. Er neigt aber Pompeius zu, weil dieser maßgeblich an seiner Rückberufung aus dem Exil Anfang September 57 beteiligt war (Material 1, T. 2).
Pompeius schreibt am 20. Februar 49 an Cicero (Ad Atticum 8,11C), er rate ihm dringend, seinem einzigartigen und nie ermüdenden Einsatz für die res publica gemäß zu ihm nach Brundisium zu kommen, „damit wir gemeinsam beraten, wie wir der bedrohten res publica helfen können (Mate...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 5 / 2018

Biographische Hintergründe

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 11-13