Anette Bertram

Catull-Gedichte über die Liebe zu Männern

Sarkophagrelief mit einer dionysischen Prozession; 160 - 180 n. Chr., Diokletiansthermen, Rom.
Freundschaftsgedichte, Gedichte zur körperlichen Liebe und Invektiven – alle drei Gedichtstypen bieten sich zur Behandlung im Unterricht an., Foto: © Lanmas / Alamy Stock Foto

Anette Bertram

Die Gedichte des römischen Dichters Catull sprechen unmittelbar an; wie ein Freund scheint er sich zu öffnen. Können seine Gedichte, in denen er seine Gefühle zu Männern thematisiert, einen Beitrag zur eigenen Identitätsbildung von Jugendlichen leisten?

Catull und Lesbia, das ist die übliche Assoziation. Der junge Dichter, früh verstorben, der an der Liebe zu einer Frau leidet. Catulls Lesbia-Gedichte zählen zu Höhepunkten der römischen Dichtung; das macht ihre Nachwirkung deutlich. Angesichts der auch heute noch nicht überwundenen Diskriminierung von anderen Orientierungen als der heterosexuellen kommt aber auch den homosexuellen1 Gedichten Catulls unterrichtliche Bedeutung zu. Das Problem, die eigene sexuelle Ausrichtung anders zu erfahren, als sie gesellschaftlich gewollt ist, ist nicht neu. Dass dies keine Mode der Gegenwart, sondern offensichtlich eine der Menschheit immanente Erscheinung ist, zeigt der Blick auf den Umgang mit der Homosexualität in der Antike.
Das Ziel dieser kurzen Unterrichtsreihe ist es, zum einen bei der Identitätssuche der Jugendlichen sinnstiftend zu wirken, zum anderen für die sexuellen Orientierungen Anderer zu sensibilisieren. Eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik scheint mir erst in den höheren Jahrgängen der Sekundarstufe 1 sinnvoll, damit auch ein Sprechen darüber möglich ist, auch wenn die persönliche Betroffenheit bei den Jugendlichen durchaus schon früher einsetzen kann.
Gedichtauswahl
Bei Catull bieten sich dazu drei unterschiedliche Typen von Gedichten über männliche Partner an. Die drei Typen repräsentieren einerseits drei Facetten des Dichters Catull , andererseits lassen sie sich in unterschiedlichen Ausprägungen den Polen des Dreiecks „Liebe, Freundschaft, Erotik zuordnen, das als verbindende Klammer der Unterrichtsreihe zugrunde liegt und jeweils in der abschließenden Aufgabe der Einzelinterpretationen aufgerufen wird.
Bei Zeitknappheit können die drei Gedichte, die jeweils einen Typus verkörpern, auch in arbeitsteiliger Gruppenarbeit dekodiert, rekodiert und in ihrem inhaltlichen Gehalt den Mitschülerinnen und Mitschülern durch gegebene Aufgabenstellungen präsentiert werden. Die Gedichte weisen unterschiedliche Längen auf, sind aber wegen ihres jeweiligen Schwierigkeitsgrads trotzdem im Aufwand vergleichbar.
Freundschaftsgedichte
Da sind zum einen die Freundschaftsgedichte, die Catulls enge Verbindung zu einem dichterischen Freundeskreis zeigen, seine Verletzlichkeit angesichts eines Treuebruchs der Freunde, aber auch die Nähe zu Gefühlen wie Liebe und Schwärmerei. Die innige Verbindung zu seinen Freunden besteht in der gemeinsamen Ablehnung der als bieder empfundenen Gesellschaft und dem Interesse an Dichtung im alexandrinischen Stil mit der spielerischen Betonung des Kleinen und nicht Gesellschaftskonformen. Aus diesem Typus ist carmen 50 (Material 1 ) ausgewählt, das scheinbar ein Brief an seinen Dichterfreund Calvus ist. Mit den Sachfeldern Freundschaft/Liebe (incensus, miser, furor, dolor, ocelle, iucunde) und der Beschreibung der jungen Protestgesellschaft Roms (otiosus, delicatus, ludere, facetiae, lepos) schildert Catull zunächst das gemeinsame Dichten mit Calvus abends beim Wein (V. 1 – 6 ), dann seine ruhelose Nacht voll Sehnsucht nach einem Wiedersehen (V. 7 – 13), die in dem Entschluss gipfelt, seinem Freund ein Gedicht zu schreiben (V. 14 – 17). Im übertrieben wirkenden Schlussappell an Calvus, ihn nicht zu enttäuschen, beschwört Catull sogar die Göttin Nemesis herauf, die Gerechtigkeit einfordern soll.
Gedichte zur körperlichen Liebe
Ein zweiter Typus sind die Gedichte, bei denen die körperliche Liebe im Vordergrund steht. Ob man dabei die Meinung teilt, allein sprachlich erreichten diese Gedichte nicht die Tiefe der Lesbia-Gedichte, oder darauf hinweist, dass es sich möglicherweise nur um die Nachahmung griechischer Vorbilder handelt – für den unterrichtlichen Zusammenhang ist relevant,...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-11