Elias Hoffmann

Wenn die familia zur Familie wird

Illustration: drei spielende römische Kinder
Lehrbuchfamilie vs. historische Wahrheit. Es ist sinnvoll, die familia des Lehrbuchs genauer zu betrachten., Hendrik Kranenberg

Elias Hoffmann

Die ambivalente Konstruktion antiker Geschlechterrollen im Lehrbuch VIVA

Die Schülerinnen und Schüler betrachten die familia im Lehrbuch genauer, überprüfen die Rollenkonstruktionen und korrigieren und ergänzen sie ggf. mithilfe des Ergänzungsmaterials. Abschließend vergleichen sie die Rollen von Mann und Frau mit der eigenen Lebenswelt und entnehmen aus dieser Auseinandersetzung Impulse für eigene Handlungsmöglichkeiten und Positionen.

Nicht erst im Jugendalter sehen sich Jungen und Mädchen in ihrer Lebenswelt, abhängig vom sozialen und kulturellen Kontext, mit bestimmten geschlechtsbezogenen Rollenerwartungen konfrontiert, denen sie – mit altersgemäß begrenzten Möglichkeiten der differenzierten Betrachtung – bewusst oder unbewusst zu entsprechen suchen. Der Begriff der „Rolle manifestiert in diesem Zusammenhang unverkennbar, dass Jungen und Mädchen frühzeitig geschlechtsbezogene Zuschreibungen bzw. Erwartungen in ihrem Umfeld beobachten, diese nachspielen und sich zuletzt aneignen.
Damit Kinder und Jugendliche eben diese Erwartungen, die durch ihre Lebenswelt an sie herangetragen werden, in ihrer Tradition zu lesen lernen und zu diesen eine eigene Haltung finden können, ist es eine der Aufgaben von Schule und Unterricht, dass die besagten geschlechtsbezogenen Muster sachlich fundiert und rational thematisiert werden.
Erste Beschäftigung mit Rollenmustern
Diese auch curricular geforderte Auseinandersetzung (vgl. Basisartikel) bietet sich im altsprachlichen Unterricht an, da durch das historisch Fremde, das aus Sicht der Schülerin bzw. des Schülers Alterität zu- oder gar erwarten lässt, zunächst kein unmittelbarer Widerspruch zum eigenen bereits gewachsenen Rollenverständnis entsteht. Das Fach Geschichte geht dem Latein- und Griechischunterricht zwar voraus, hat allerdings aufgrund der geringen Stundenzahl, des meist epochal angelegten Unterrichts und der curricularen Anforderungen kaum die Gelegenheit, die antike und mittelalterliche Lebenswelt entsprechend vertiefend zu behandeln, sofern man sich nicht bewusst für einen themenbezogenen Längsschnitt entscheidet.1 Im altsprachlichen Unterricht jedoch sind die Lernenden zu Beginn dazu aufgefordert, eine ihnen unbekannte Lebenswirklichkeit zu entdecken und sich auf diese einzulassen. In diesem Zusammenhang geben die Curricula bezüglich der Kulturkompetenz die Behandlung der Rollenmuster und -erwartungen in der antiken Lebenswelt u.a. anhand des familia-Begriffs bereits für die ersten Lernjahre vor.2
Um die Analyse und Deutung der komplexen literarischen Konstruktion von Geschlechterrollen in der Oberstufe (z.B. Ovid, Heroides oder Livius, Ab urbe condita) vorzubereiten, lädt die Vorstellung der familia zu Beginn gängiger Lehrwerke dazu ein, die antiken Geschlechterbilder frühzeitig im Unterricht zu behandeln.3
Die familia in „VIVA 1
Dieses Vorhaben ist bei dem Lehrbuch VIVA jedoch nicht ohne Weiteres möglich, da die familia des Lehrbuchs vielmehr gegenwärtige Stereotype und Erwartungen widerspiegelt und ein Wiedererkennen suggeriert, statt einen realistischen Einblick in eine fremde römische Lebenswelt zu gewähren.4
Wie gilt es nun im Unterricht mit den im Lehrbuch VIVA 1 inszenierten Rollenbildern von Mann und Frau im Unterricht umzugehen? Zunächst bietet es sich an, die familia des Lehrbuchs genauer zu betrachten. Dabei zeigt sich, dass bereits die Einstiegsdoppelseite die genannten Schwierigkeiten bestätigt.
Die familia des Sextus Selicius Comis lebt in augusteischer Zeit, genauer befindet man sich im Jahr 17 v.Chr.; die Lex Iulia de maritandis ordinibus soll seit einem Jahr (18 v.Chr.) zum Erhalt der traditionellen gesellschaftlichen Ordnung beitragen. Die vorgestellte familia repräsentiert dies durch eine standesgemäße Ehe und drei Kinder vorbildlich und gleichsam dem Zeitgeist zuwider vgl. im Kasten, A:
Weitere Abweichungen der Lehrbuchfamilie von der historischen Wirklichkeit

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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2019

Geschlechterbilder

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 5-6
  • Thema: Kultur
  • Autor/in: Elias Hoffmann