Wolfgang J. Pietsch

Cicero-Statue im Zentrum der Stadt Arpinum.
Die Cicero-Statue des Bildhauers Ferruccio Vecchi ist im Zentrum der Stadt Arpinum auf der Piazza Municipio zu finden., Julien Chatelain

Wolfgang J. Pietsch

Cicero, Arpino und das Certamen Ciceronianum

Mitte des 1. Jh.s v.Chr, südliches Latium. Eine Szene wie im Film – so beginnt Cicero das 2. Buch seines Werkes De legibus: Drei soignierte Herren im besten Alter, nämlich der Autor Marcus Tullius Cicero selbst, sein etwas jüngerer Bruder Quintus und Ciceros Freund Titus Pomponius Atticus wollen nach einer ausgedehnten Wanderung (satis ambulatum est, De leg. 2,1) und langen Gesprächen einmal Rast machen. Vergessen sind die Themen, von denen im 1. Buch so lange die Rede war, von Gesetzen, Natur und Recht, und zum Thema wird nun die amoenitas und salubritas der Landschaft, die sie eben durchwandert haben. Deshalb liebt Cicero dieses Stück Land, am Zusammenfluss von Liris und Fibrenus. Aber diese Liebe hat noch einen anderen Grund.
Die Besonderheit des Ortes
Kaum ist Cicero wieder am Wort, sagt er es frei heraus: Haec est mea et huius fratris mei germana patria. Hinc enim orti stirpe antiquissima sumus, hic sacra, hic genus, hic maiorum multa vestigia … Hanc vides villam, ut nunc quidem est, lautius aedificatam patris nostri studio, qui cum esset infirma valetudine, hic fere aetatem egit in litteris. Sed hoc ipso in loco, cum avus viveret et antiquo more parva esset villa … me scito esse natum. Qua re inest nescio quid et latet in animo ac sensu meo, quo me plus hic locus fortasse delectet …
Atticus pflichtet ihm bei. Auch für ihn ist es nun verständlich, dass sein Freund diesen Ort besonders liebt. Und dann der entscheidende Satz, den Cicero Atticus in den Mund legt: Movemur enim nescio quo pacto locis ipsis, in quibus eorum, quos diligimus aut admiramur, sunt vestigia. Und weiter: „Mich jedenfalls erfreut gerade unser Athen nicht so sehr auf Grund seiner herrlichen Bauwerke und der erlesenen Kunstwerke der Alten wie durch die Erinnerung an die bedeutendsten Männer, wenn ich daran denke, wo jeder einzelne zu wohnen, Platz zu nehmen und zu diskutieren pflegte, und ich betrachte sogar deren Grabstätten mit großer Anteilnahme. Daher werde ich von jetzt an den Ort, wo du geboren bist, noch mehr lieben. (2,4, Übers. nach Nickel).
Da freue sich Cicero, dass er Atticus geradezu seine incunabula, seine Wiege, zeigen könne, denn für ihn sei hier die germana patria, die eigentliche Heimat.
Germana patria
Naheliegend dann die Frage des Atticus, ob Cicero noch eine zweite Heimat habe. In der Tat, antwortet nun Cicero, hätten alle Bürger aus den Landstädten eine doppelte Heimat: jene der Geburt und als zweite Heimat die politische. Das sei jene Gemeinschaft, von der man später aufgenommen worden sei.
„Aber mehr Liebe verdient die Heimat, von der die gesamte Bürgerschaft ihren Namen hat, für die wir sterben, der wir uns ganz hingeben und der wir alle unsere Fähigkeiten zur Verfügung stellen und gleichsam als Opfer darbringen müssen. Die Heimat aber, die uns hervorbrachte, ist uns nicht viel weniger lieb als jene, die uns aufnahm. Daher werde ich keinesfalls irgendwann einmal leugnen, dass dies meine Heimat ist, solange nur jene die größere bleibt und diese in ihr aufgeht.
Inzwischen ist man weitergewandert, sed ventum in insulam est. Und wieder ist Atticus am Wort: „Ihr (der Insel) Liebreiz ist wirklich nicht zu übertreffen. Denn wie ein Schiffsschnabel teilt sie den Fibrenus, und gleichmäßig in zwei Arme getrennt fließt er an den beiden Ufern vorbei und ebenso schnell, wie er sich teilt, strömt er auch schon wieder zusammen und umschließt insgesamt nur einen Raum, der für einen mittelgroßen Sportplatz ausreichte. Kaum hat er dies getan, [] stürzt er sich auch schon in den Liris [] (De leg. 2,3).
Mit diesem topografischen Exkurs beendet Cicero das prooemium im 2. Buch. Es gehört nach Nickel zu den schönsten Stücken lateinischer Prosa. Indes – fremd und erratisch mutet es an, nach all den langen Erörterungen im 1. Buch über Gesetze, Recht, Natur- und Staatsrecht. Doch hat es eine gewisse Parallele im Proömium des 1. Buches....
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 6 / 2016

Cicero

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 10-13
  • Thema: Kultur
  • Autor/in: Wolfgang J. Pietsch