Orm Lahann

Werte ja, Laster nein?

Illustration von Walter Crane: Solon, der weise Gesetzgeber von Athen
Um Solon, der der Stadt Athen die besten Gesetze gab, Perikles und Themistokles geht es im Xenia-Lektionstext., aus: The story of Greece: told to boys and girls. Von: Mary Macgregor

Orm Lahann

In zwei Unterrichtsbeispielen, durchgeführt in einer 9. und einer 11. Klasse, setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit Werten in der Antike auseinander. Sie untersuchen einen griechischen Lektionstext über Themistokles und Solon bzw. einen Ausschnitt aus der Rhetorica ad Herennium und erkennen die Schwierigkeiten der adäquaten Übersetzung von Wertbegriffen. Im Unterrichtsgespräch erfassen sie verschiedene Nuancen in der Bedeutung der Wertbegriffe.

„Tradition, Disziplin, Ehre, Leistung, so nennt ein führendes Mitglied der Schulleitung die Werte der Schule in dem Film „Der Club der toten Dichter. Alle applaudieren, der Redner schmunzelt, die Eltern klatschen laut, die Schüler eher noch verhalten. Ein neuer Lehrer wird kurz vorgestellt. Er wird versuchen, seine Schüler gerade durch die Begegnung mit der Poesie zum kritischen Denken zu bewegen. Im Film zeigen sich so einige dieser Werte, gerade der eingeforderte unbedingte Gehorsam an dieser Schule durch ein recht konservatives Milieu wird kritisch hinterfragt. In der englischen Fassung des Films heißen diese Worte bzw. Werte: Tradition, Honor, Discipline und Excellence. Ich versuche eine Übersetzung dieser Worte/Werte ins Altgriechische: ἡ παράδοσις, ἡ ευταξία, ἡ τιμή, ἡ πρᾶξις oder lieber ἡ λειτουργία? Und jetzt ins Lateinische: memoria oder lieber mos maiorum1, disciplina, gloria, industria oder lieber res gestae2? Diese Übersetzungsversuche sind irgendwie zum Scheitern verurteilt. Einen guten Grund dafür möchte ich hier anführen: Wenn wir das Wort „Glück ins Lateinische übersetzen wollen, denken wir z.B. an fortuna oder an felicitas, an beatitudo oder an res secundae. Weitere Wörter wären zu finden (z.B. bonum, casus, sors etc.). So kann deutlich werden, dass Übersetzungen meist nur Annäherungen sein können. Man sprach in diesem Zusammenhang ja auch schon einmal von der „Kunst des richtigen Opferns (Wolfgang Schadewaldt). Also auch den richtigen Einzelbegriff zu finden, ist nicht immer leicht.
Der Umgang mit Wertbegriffen
In meinen Ausführungen geht es zu einem großen Teil um die Übersetzungsproblematik von Wertbegriffen aus der Antike im Latein- und Griechischunterricht. Schon eine Übersetzung des Wortes „Wert erscheint mir schwierig; ich schlage vor lat.: bonum, gr.: τὸ ἀγαθόν. Das Wort „Laster ist da etwas unkomplizierter; ich schlage vor lat.: vitium oder malum, gr.: τὸ κακόν. Da es in diesem AU-Heft um Werte geht, sollen die Laster ausgespart bleiben. Beim Umgang mit antiken Texten sollten wir allerdings häufig mit Antithesen rechnen, daher scheint es hilfreich wenigstens die sogenannten sieben Todsünden zu kennen (superbia, avaritia, luxuria, ira, gula, invidia und acedia ein aus dem Griechischen gebildetes Wort für Sorglosigkeit, Sturheit …), ohne auf die Bedeutung z.B. im katholischen Glauben verweisen zu wollen.
Wie schwierig es ist, im altsprachlichen Unterricht mit Wertbegriffen umzugehen und wie gewinnbringend zugleich, möchte ich aus der eigenen Unterrichtserfahrung mit einer Griechischlerngruppe der Jahrgangsstufe 9 und mit einem Grundkurs im Fach Latein, Jahrgang 11, beispielhaft vorstellen. Ausgehend von Xenia, Lektionstext L 18, „Der beste Freund, in dem es um den Zusammenhang von Freundschaft und gewissen Tugenden geht (vgl. die Einleitung), wurden im Griechischunterricht jeweils die angesprochenen Tugenden bzw. Werte aus dem Text heraus benannt, erläutert und reflektiert (Material 1 ).
Tugendhaftes Verhalten
Kallias, der hier in Gedanken zu dem längst verstorbenen Philosophen Sokrates spricht, nennt aus der Erinnerung heraus von Sokrates benanntes tugendhaftes Verhalten. Im Einzelnen können folgende Tugenden/Werte im Text gefunden werden:
  • Z. 2 φιλοτιμία Wille zum Ruhm, positiv gedachter Ehrgeiz,
  • Z. 3 πολλοὺς πόνους ἀνέχειν Mühen aushalten können,
  • Z.4/5 προθυμεῖσθαι ἑαυτὸν καὶ τὸν πατέρα Bereitschaft, sich um sich selbst sowie um seinen Vater zu kümmern (vgl. hierzu den...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 5 / 2019

Werte

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-12