Wilfried Lingenberg

Sappho, frg. 31 (Φαίνεταί μοι) im Lateinunterricht

Skulptur von William Wetmore Story, „Sappho“
Die Schüler erarbeiten Sapphos frg. 31 mithilfe einer lateinischen Interlinearübersetzungen und erkennen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Texte., Foto: © Florador / Katie Newman

Wilfried Lingenberg

Die Schüler erarbeiten Sapphos frg. 31 mithilfe einer lateinischen Interlinearübersetzung. Sie vergleichen den Text mit Catull, c. 51 und erkennen dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ausdruck, Wortstellung und implizierter Situation.

Dass das Geistesleben des römischen Altertums in weiten Teilen zweisprachig war, gerät im Lateinunterricht sicher eher zu selten in den Blick,1 und man darf guten Gewissens jede Gelegenheit für Versuche nutzen, bei den Lateinlernenden Sympathien auch für das Griechische zu wecken. Schon im ersten Lernjahr können ein oder zwei mit dem Erlernen des griechischen Alphabets verbrachte Stunden (wie sie beispielsweise das Lehrwerk „Cursus mit einer ganzen Seite in Lektion 11 anregt) für willkommene Abwechslung sorgen. Dass auch in der Lektürephase, und zumal bei Catull, mehr als nur oberflächliche Einblicke in die griechische Literatur möglich sind, hat zuletzt Martin Holtermann gezeigt, als er dem Lateinunterricht die Parallele von Catull, c. 70 mit Kallimachos Epigramm 25 Pf. erschloss.2
Sappho als Vorbild für c. 51
Auch das Vorbild für Catull, c. 51 lässt sich im Original vorlegen, wenn man den griechischen Text mit einer lateinischen Interlinearübersetzung versieht (Material 1 ).3 Allein aufgrund ihrer Lateinkenntnisse können die Schüler dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ausdruck, Wortstellung und implizierter Situation selbst erarbeiten – und dies sogar leichter als anhand einer deutschen Übersetzung.
Das identische Versmaß wird schon auf den ersten Blick vom Druckbild suggeriert, und überhaupt sind die Gemeinsamkeiten leicht zu finden; deswegen hier nur einige Hinweise auf möglicherweise interessante Divergenzen:4
  • Bereits der erste Vers beider Gedichte wirft die Frage nach dem tertium comparationis im Vergleich par deo/ἴσος θέοισιν auf. Der Plural θέοισιν scheint für Sappho den Gedanken „glücklich wie die Götter nahezulegen, während Catulls Fortführung mit superare möglicherweise eher auf „stark wie ein Gott weist.5 Dann träte hier ein sehr charakteristischer Unterschied zwischen griechischer und römischer Religiosität zutage: Dort sind die Götter die „leicht lebenden Bewohner des Olymp, die θεοὶ ῥεῖα ζώοντες, wie es bei Homer heißt (Il. 6,138 und öfter); hier stellt man sich auf dem Weltenthron am ehesten den vernünftig und planvoll herrschenden Verwalter des fatum vor.
  • Das verallgemeinernde ὄττις (attisch ὅστις) bei Sappho im zweiten Vers zeigt, dass dort wohl nicht an eine bestimmte, näher bekannte Person gedacht ist; jeder, der zufällig der Nähe zur Adressatin teilhaftig werden darf, löst in gleicher Weise die verzehrende Eifersucht der Dichterin aus. Catulls qui macht dagegen den Gedanken an einen spezifischen verhassten Rivalen, vielleicht gar Lesbias Ehemann selbst, wenigstens gut möglich.
  • In diesem Zusammenhang wird auch eine textliche Entscheidung wichtig: 7, εἰσίδω – intueor (statt ἔς σ᾽ ἴδω – in te specto) ist überzeugende Konjektur von Gottfried Hermann6 und führt zu einem weiteren signifikanten Unterschied zwischen Catull und Sappho. Wenn das Personalpronomen σε der bisher akzeptierten (ebenfalls konjekturalen!) Textherstellung entfällt, bezieht sich die heftige Reaktion der Dichterin eben nicht auf die Adressatin, sondern – näherliegend und etwas weniger spektakulär – auf die ganze beobachtete Situation. Catull, der an entsprechender Stelle unmissverständlich te, / Lesbia, aspexi schreibt (6f.), hätte mit der Übertragung der Reaktion allein auf die Geliebte seine manische Besessenheit von Lesbia zum Ausdruck gebracht.
Hinweise zum Material
Im Material ist zusätzlich eine Aussprachezeile mitgegeben;7 so lässt sich im Unterricht ohne Einschränkung auch über den griechischen Text sprechen. Etymologische Entsprechungen laden zum Sprachvergleich ein , und zu vielen Vokabeln lassen sich Fremdwörter in Beziehung setzen . Catulls Innovation dulce ridentem, wörtlich: „Süßes lachend (c. 51,  5;...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 9-11