BORIS DUNSCH

Mit Plutarch lernen, im Exil zu leben

Foto einer dürren Landschaft mit trockener, aufgerissener Erde und einem kahlen Baum.
Wie persische Könige die Welt für sich zur Wüste machen, weil sie nur Wasser aus dem Choaspes trinken, so machen wir, die wir uns an den einen Ort sehnen, wenn wir an einem anderen sind, laut Plutarch für uns die bewohnte Welt städtelos und unbewohnbar., © Perfect Lazybones / Shutterstock.com

BORIS DUNSCH

Περὶ φυγῆς als themenorientierte Lektüre

Plutarchs Moralia eignen sich sprachlich und inhaltlich gut für eine themenorientierte Oberstufenlektüre. Am Beispiel von Περὶ φυγῆς wird gezeigt, wie mithilfe einer entsprechenden Textauswahl Kerngedanken des Textes für eine Reflexion über die Bewältigung von Exilsituationen fruchtbar gemacht werden können.

Plutarch ist einer der bedeutendsten griechischen Autoren der Kaiserzeit.1 Seine für Schüler der Sekundarstufe II sprachlich – bei entsprechender Aufbereitung – gut erschließbaren Schriften verdienten insgesamt eine stärkere Aufmerksamkeit. Dies scheitert nicht zuletzt daran, dass es kaum moderne Schulausgaben von Plutarchs Werken gibt. Das gilt auch für die essayhaften Traktate seiner Moralia, die ein breites Spektrum von Themen abdecken, welche auch heute für Schüler interessant sind, wie z.B. die Frage, ob man Tiere essen darf oder nicht.2 Plutarchs Texte haben oft lebensnahe Inhalte und weisen ein hohes Aktualitätspotenzial auf. Aus ihnen spricht eine von, wie es scheint, persönlicher Menschenfreundlichkeit geprägte, mittelplatonisch3 sublimierte Humanität, die in Plutarchs Konzept einer Synanthropie aufgeht, der „Bereitschaft, als Mensch mit Menschen zu leben. Dieses ist auch heute noch dazu geeignet, zu einer „globalen Perspektive gegenseitiger Toleranz anzuregen.4
Ein gutes Beispiel für diese synanthropisch orientierte Humanität Plutarchs bildet seine formal als Brief gestaltete Konsolationsschrift De exilio (Περὶ φυγῆς), die bisher meines Wissens keinen Eingang in den Lektüreunterricht gefunden hat.5 In diesem Aufsatz sollen Kerngedanken der Schrift in enger Verzahnung mit dem beigefügten Arbeitsmaterial präsentiert und in umfassendere literarische und philosophische Zusammenhänge eingeordnet werden. Zentrale Textpassagen habe ich daher auf Arbeitsblättern zusammengestellt (Material 1 und 2a – d ). Auf diese beziehen sich die folgenden Interpretationen. Die zentralen Textpassagen sind in deutscher Übersetzung verfügbar.
Nützliche und nutzlose Konsolationsstrategien
De exilio richtet sich an einen aus Sardeis in Lydien verbannten, in der Schrift ungenannt bleibenden jüngeren Freund, vielleicht den Lokalpolitiker Menemachos, dem Plutarch seine Praecepta gerendae rei publicae (Mor. 798A – 825F) widmete.6
Zu Beginn von De exilio sagt Plutarch in einer metakonsolatorischen Reflexion, was er nicht möchte: Keinesfalls will er, wie es die tragischen Chöre tun, mit dem Verbannten mitweinen und mitklagen (599B). Er lehnt also ein θρηνητικὸν μέρος, einen Klageteil, ab, wie ihn die antike Theorie für die Eröffnung von Trostbriefen empfahl. Vielmehr werde er freimütig als philosophischer Lehrer sprechen und zeigen, dass das Verharren in Kummer und Niedergeschlagenheit unbrauchbar, substanzlos und unverständig ist. Keinesfalls solle man Außenstehende hinzuziehen, die geradezu als Lehrmeister der Traurigkeit (διδάσκαλοι τῆς λύπης) fungieren (599C), indem sie von unseren Problemen nichts wegnehmen, sondern noch ihre eigenen hinzufügen.
Eigenständige Analyse der Exilsituation
Vielmehr solle man in aller Ruhe das Gewicht des Unglücksfalles, der einen treffe, prüfen wie das Gewicht von Frachtlasten. Plutarch besteht also darauf, dass derjenige, der einen Kummer hat, genau prüft, was ihm diesen Kummer bereitet. Eine solche Bilanz bietet dem Exilierten die Möglichkeit, sich auf das zu besinnen, was ihm auch im Exil noch zu Gebote steht (600B). Er benötigt nämlich keine fremden Hilfsmittel, sondern muss nur das, was schon vorhanden ist, vernunftgemäß nutzen (χρώμενον εὐλογίστως τοῖς παροῦσιν). Wenn er das tut, wird er den erkalteten Teil seines Lebens wieder erwärmen, wie Plutarch bildhaft formuliert. Damit ist gesagt, worum es im Weiteren gehen wird – um den richtigen, den vernunftgemäßen Gebrauch, das χρῆσθαι bzw. die χρῆσις,7 den Plutarch auch in anderen Schriften thematisiert.8 An dieser Stelle denkt Plutarch in erster Linie an...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 11-13