Karl-Heinz Niemann

Leben im Exil – Griechenland

Ostrakon gegen Aristides.
Ostrakon gegen Aristides, Anf. 5. Jh. v. Chr., © Giovanni Dall’Orto, CC-BY

Karl-Heinz Niemann

Die wohl bekannteste Anekdote zur Verbannungsgeschichte in Griechenland berichtet uns Plutarch in seiner Aristides-Biographie:1 Während des Abstimmungsvorgangs beim Ostrakismos („Scherbengericht) in Athen2 reichte ein einfacher, ungebildeter Mann Aristides seine Tonscherbe und bat ihn – wie jemanden, auf den man zufällig trifft –, den Namen „Aristides darauf zu schreiben. Der Angesprochene war darüber verwundert und fragte zurück, ob Aristides ihm wohl etwas Böses angetan habe. Da entgegnete der Gefragte: Nein, er kenne Aristides gar nicht, aber es missfalle ihm, zu hören, dass dieser Mensch immer als „der Gerechte bezeichnet werde. Als Aristides das vernommen hatte, schrieb er ohne ein weiteres Wort seinen Namen auf das Ostrakon und gab es ihm zurück. Diese Reaktion des Aristides soll im Rahmen der Biographie zwar in erster Linie dokumentieren, dass er das ihm zuerkannte Attribut ὁ δίκαιος zu Recht trägt. Gleichzeitig legt die Anekdote aber die Problematik von Verbannungsverfahren offen und wirft die Frage nach den Gründen, die in Griechenland zu einem Leben im Exil führen konnten, und zu den mit der Verbannung verfolgten Zielen auf.
Formen des Exils
Für einen groben Überblick reicht es aus, nach Grasmück (1978, 15ff.) im Wesentlichen zwei Grundformen zu unterscheiden: die ἀτιμία (Wortsinn: Ehrlosigkeit; Verlust der Bürgerrechte) und die φυγή (Wortsinn: 1. Flucht, 2. Verbannung). Bei ersterer handelt es sich im Wesentlichen um einen strafrechtlichen Vorgang, im zweiten Fall meist um eine politisch bedingte Maßnahme, die ggf. auch strafrechtlich verbrämt wird. Beide Formen lassen sich jeweils wieder in zwei unterschiedliche Typen untergliedern.
ἀτιμία
Ἀτιμία ist gegeben, wenn sich ein Täter wegen eines schweren Delikts (wie vorsätzliche Blutschuld, Hoch- und Landesverrat, bestimmte sakrale Freveltaten, wie z.B. Tempelraub, oder Delikte gegen grundlegende Einrichtungen des Staatswesens) im Exil aufhält. Der erste Typus liegt vor, wenn er aus seiner Heimat geflohen ist, um einer Anklage zu entgehen. In diesem Fall durfte er das Staatsgebiet des Landes oder der Stadt, das er verlassen hatte, nicht mehr betreten, ohne der Todesstrafe zu verfallen. Er verlor alle bürgerlichen Rechte, und sein gesamter Besitz wurde konfisziert. Beim zweiten Typus wird der Täter in einem Gerichtsverfahren wegen eines der genannten Delikte verurteilt und muss seine Heimat unter Einbuße seines Vermögens für immer verlassen. An Stelle der Todesstrafe wird ihm als mildere Strafe die Verbannung auf Lebenszeit (ἀειφυγία) zuteil. Ziel beider Typen ist zum einen Strafe für ein Vergehen und zum anderen Schutz der Mitbürger vor eventuellen Folgehandlungen des Täters.
φυγή
Die φυγή kann – wie im Wortsinn angelegt – als freigewählter Gang ins Exil oder als verfügte Verbannung erfolgen.
Der erste Typus
Er bot dem Exulanten die Möglichkeit, sich rechtzeitig dem Zugriff von mächtigen Personen oder Institutionen zu entziehen – unabhängig davon, ob dieser zu Recht oder zu Unrecht erfolgen würde. Neben dem Leben in Freiheit in einem meist nicht verbündeten Nachbarstaat konnte der Exulant aber dort auch neue politische Aktivitäten entwickeln, um seine Rückkehr zu erreichen oder sogar seiner Heimat Schaden zuzufügen.
Während des Peloponnesischen Krieges floh Alkibiades, der als einer der Strategen die Sizilische Expedition der Athener anführte (415 v.Chr.), nach Sparta zum politischen Gegner. Damit entging er einem Prozess wegen Hermenfrevels und Asebie in Athen. In Sparta trug er durch den Verrat der Pläne des Feldzuges und die Unterstützung eines Bündnisses zwischen Sparta und Syrakus zur Niederlage der Athener in Sizilien bei (Thuk. 6,53; 61; 74; 88 – 93). Nach seiner grundlegenden Verfassungsreform verließ Solon (ca. 640 – 560 v.Chr.), weil er sehr bald von verschiedenen Seiten zu Änderungen gedrängt wurde, Athen und ging 10 Jahre auf Reisen: Er wollte die neuen Gesetze zunächst einmal...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 7-13