Johanna Nickel

Können wir Prometheus heute noch trauen?

Herakles befreit Prometheus. Relief aus Aphrodisias, Türkei.
Prometheus wird entfesselt: Der Mensch ist heute, wie auf der ersten Stufe der Kulturentwicklung, in seiner Existenz bedroht - durch sich selbst. Hans Jonas nimmt den Prometheus-Mythos als Grundlage zur Entwicklung eines neuen Imperativs auf., Foto: © steve estvanik / Shutterstock.com

Johanna Nickel

Von Platon zur modernen Verantwortungsethik

Am Beispiel des Prometheus-Mythos verfolgen die Schüler das Fortwirken eines griechischen Textes bis in die Gegenwart und erkennen, wie der neuzeitliche Philosoph Hans Jonas den Mythos rezipiert, zur Deutung menschlicher Existenz unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart weiterführt und dabei in eine historische Kommunikation eintritt.

Die spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts offensichtliche Möglichkeit, dass die Menschheit sich selbst und die Welt durch die Resultate wissenschaftlichen und technischen Fortschritts vernichtet, sowie die Fähigkeit, die Form des menschlichen, tierischen und pflanzlichen Lebens in folgenreicher Weise zu verändern, veranlasste Hans Jonas dazu, nach einer neuen Ethik für die „veränderte Natur menschlichen Handelns zu fragen.
Denn: „Alle bisherige Ethik [] teilte stillschweigend die folgenden, unter sich verbundenen Voraussetzungen: (1) Der menschliche Zustand, gegeben durch die Natur des Menschen und die Natur der Dinge, steht in den Grundzügen ein für allemal fest. (2) Das menschlich Gute läßt sich auf dieser Grundlage unschwer und einsichtig bestimmen. (3) Die Reichweite menschlichen Handelns und daher menschlicher Verantwortung ist eng umschrieben.1
Antike Ethik stellte sich fast ausschließlich die Frage nach dem richtigen Handeln des Individuums und war auf die Regelung des menschlichen Miteinanders ausgerichtet. Selbst die Frage nach der Hybris, also dem Verstoß gegen göttliches Recht, ließ sich mit der Einsicht in die Sterblichkeit des Menschen und seine im Vergleich zum Kosmos geringe Größe beantworten. Die Entscheidung über das richtige Handeln betraf dabei immer nur Folgen, die in absehbarer Reichweite waren, wobei der Mensch durch Technologienutzung nie in dem Maße in die Natur einzugreifen fähig war, wie dies heute möglich ist, sodass nun nicht mehr nur Einzelhandlungen ethisch zu bewerten sind, sondern in kumulativer Weise sich addierende Folgen von Handlungen – man denke neben den Folgen von Industrie und Energiewirtschaft auf die Umwelt nur an Kernspaltung, Transplantationsmedizin, Gentechnik, Kybernetik/Biohacking usw.
Angesichts dieser Ausgangslage könnte man nun die provokante Frage stellen: Was hat uns die Antike unter diesen Bedingungen noch zu sagen?
Prometheus in Platons Protagoras
Da Hans Jonas seine verantwortungsethische Position auf der Grundlage eines expliziten Rückgriffs auf den antiken Prometheus entwickelt, bietet sich der moderne Text als Exkurs zu einer Textstelle an, die ebenfalls eine genuin philosophische Fragestellung behandelt: die Erzählung des Mythos durch den Sophisten Protagoras im gleichnamigen platonischen Dialog. Es wird sich zeigen, dass Jonas den Mythos gedanklich fortführt, um die neue Existenzweise des Menschen bestimmen zu können. Damit ergibt sich eine sinnvolle Einbindung in ein Unterrichtsvorhaben mit dem thematischen Schwerpunkt „Sokrates und die Sophistik. Zudem liegt ein fächerübergreifendes Projekt mit dem Fach Philosophie oder Ethik nahe, um das Potenzial des neuzeitlichen Textes voll erschließen zu können. Verantwortungsethik, auch am Beispiel von Hans Jonas, ist regelmäßig im Oberstufenunterricht des Faches Philosophie Teil des Themenkomplexes „Ethik.
Die zentrale Frage des Dialogs Protagoras lautet „Ist ἀρετή lehrbar? Der Sophist Protagoras ist als Experte für die πολιτικὴ τέχνη davon natürlich überzeugt. In seiner langen Rede (320c – 328d) erzählt er den Prometheus-Mythos, um zu zeigen, dass – im Gegensatz zum Expertenwissen – an der πολιτικὴ τέχνη jeder Mensch Anteil hat und daher potenziell jeder in diesem Bereich eine verlässliche Meinung abgeben kann.
Prometheus stiehlt (Material 1, T1) zur Korrektur eines Fehlers seines Bruders Epimetheus, der die Menschen bei der Zuteilung der Fähigkeiten unter den Lebewesen vergessen hatte, aus Ratlosigkeit (ἀπορίᾳ) das Feuer von Hephaistos und die ἔντεχνος σοφία (Verstehen...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2020

Mensch und Umwelt

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 11-13