Homers Ilias im Unterricht

Menschliche Faktoren in Homers Ilias

In Homers Ilias handeln viele Charaktere, deren Gedanken und Gefühle menschlich nachvollziehbar sind – auch heute noch. Unter welchen Fragen und Aspekten im Unterricht Ausschnitte der Ilias und andere Motive des trojanischen Sagenkreises auch bei anderen Autoren betrachtet werden können, zeigt dieser Beitrag.

Eisenrelief aus dem Achilleion auf Korfu: Krieger auf Streitwagen
Welche Helden sind in Homers Ilias eigentlich Sympathieträger? Foto: Devanath / Pixabay

Der Trojanische Krieg ist den meisten Schülerinnen und Schülern ein Begriff und der grobe Inhalt durch Filme, Serien oder Computerspiele bekannt. Doch wie gelingt es, Jugendliche im Unterricht für Homers Ilias und somit ein Werk zu begeistern, das für seine ausführlichen Schlachtbeschreibungen bekannt ist?

Die Antwort ist ebenso einfach wie offensichtlich: Der Fokus muss auf den menschlichen Aspekten liegen – und davon gibt es in der Ilias jede Menge.

Menschlichkeit in der Ilias

Da schmäht Agamemnon den unverzichtbaren Kämpfer Achill, der sich daraufhin streikend in sein Zelt zurückzieht, nicht mehr am Krieg teilnimmt und die erfolgreiche Eroberung Trojas gefährdet. Da treffen zwei Feinde auf dem Schlachtfeld aufeinander und stellen fest, dass ihre Vorfahren Gastfreunde waren – eine Freundschaft, die vererbt wird. Da bricht ein einzelner Trojaner einen Eid und ein weiser Mitkämpfer erkennt, dass alle Trojaner nun als Eidbrecher die Götter gegen sich haben. Da vertut Priamos aus Liebe zu seinem Sohn Paris die Chance, den Krieg durch Rückgabe Helenas zu beenden.

Beispielsweise unter folgenden Fragen und Aspekten können im Unterricht können Ausschnitte der Ilias sowie Motive des trojanischen Sagenkreises bei Homer und anderen Autoren betrachtet werden:

Wie kam es überhaupt zum Trojanischen Krieg?

Damit verbunden ist die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Die Antwort der Schüler wird wohl einstimmig sein: Die Tatsache, dass einmal ein Gastrecht gebrochen und eine Ehefrau verführt wurde, steht in keinem Verhältnis zu einem Krieg, der eine ganze Stadt auslöscht und auch die Sieger so viel kostet („no one ever wins a war“)1.

Darauf aufbauend könnten die Schüler die Frage stellen, ob mehr hinter dem Krieg steckte als die Rückholung Helenas, etwa politische oder ökonomische Interessen der Griechen, besonders des Heerführers Agamemnon. Achill spricht im ersten Buch der Ilias von den Schätzen, die das griechische Heer gerade für Agamemnon anhäuft. Die griechische Kolonisation des kleinasiatischen Raums, das Interesse am Reichtum, aber auch an der Lebenskultur der kleinasiatischen Völker kann als Vergleichsaspekt herangezogen werden, außerdem die Konkurrenzsituation, die sich historisch immer wieder zwischen zwei Mächten ergab und immer wieder zu Krieg führte (Ägypter – Hethiter, Griechen – Perser, Rom – Karthago u. v. m.). War der Trojanische Krieg also keine „Rückholaktion“ einer Ehefrau, sondern hauptsächlich ein Beutezug und / oder ein Versuch, Einfluss in Kleinasien zu erringen?

Zeitschrift
Der Altsprachliche Unterricht Nr. 3/4 2020 Homer

Homers Epen, die Ilias und die Odyssee, stecken voller menschlicher Themen: Agamemnons blinde Starrköpfigkeit zieht Achills Zorn nach sich, Odysseus‘ Sehnsucht nach Ithaka und Penelope lässt ihn alle Hindernisse und Verlockungen überwinden. Dieses Heft stellt vor, wie die beiden Meisterwerke der Weltliteratur im Griechisch-, aber auch im Lateinunterricht behandelt werden können.

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Wie konnte der Krieg weitergeführt werden?

Auf beiden Seiten befanden sich Feldherren, die nicht hitzköpfig waren oder nach Blut gierten; nicht wenige werden als klug, weise, im Rat den Göttern um nichts nachstehend bezeichnet. Hätten sie ein weniger blutiges Ende für den Krieg herbeiführen können? Vereinzelte Versuche, den verlustreichen Krieg zu beenden, wurden unternommen, z. B. der Zweikampf zwischen Menelaos und Paris. Wie konnte es sein, dass der Krieg trotzdem zehn Jahre währte und erst durch die Zerstörung Troias beendet wurde?

„Musste“ (aus Sicht der Feldherren) der Krieg weitergeführt werden, nachdem die ersten Griechen und Trojaner gefallen waren – oder schon nachdem Iphigenie dafür geopfert worden war –, um dieses Unrecht wettzumachen, was zu weiterem Unrecht führte – und somit zu einem Teufelskreis, aus dem die Kriegsparteien kaum noch herauskamen? Hier bietet sich, mit sensiblem Blick für mögliche persönliche Erfahrungen der Schüler, eine Betrachtung heutiger Auseinandersetzungen an, etwa des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Weitere Fragen

  • Wer sind die Sympathieträger bei Homer? Für die Schüler vielleicht überraschend sind das vor allem der Trojaner Hektor und der schlaue Odysseus. Die „typischen Helden“ Agamemnon, Menelaos und Achill werden weniger sympathisch dargestellt. Eine Untersuchung verschiedener Szenen der Hauptcharaktere ermöglicht diese Einschätzung.
  • War das Schicksal Troias vorherbestimmt? Und wie viel Einfluss hatten die Götter auf die Entscheidungen der Menschen? Handeln diese eigenverantwortlich und frei, oder werden sie von den Göttern zu bestimmten Handlungen genötigt (Bsp.: Achills Entscheidung, Agamemnon nicht zu erschlagen; der Schuss des Pandaros)? Diese Frage wird ausführlicher im Basisartikel von Anne Krabbe in AU 3+4/20, Homer, behandelt.
  • War der Trojanische Krieg ein gerechter Krieg2? Verschiedene Auslegungen eines gerechten Krieges können im Unterricht gegenübergestellt werden, beispielsweise Platons Auffassung, nach der Hellenen Barbaren aufgrund der natürlichen Feindschaft zwischen diesen beiden Volksgruppen zu Sklaven machen durften, nicht aber die Bewohner anderer hellenischer Poleis. – Waren die Trojaner für die Griechen Barbaren? (Hethiter-These von Joachim Latacz vs. problemlose Kommunikation der Feinde in der Ilias); auf Aristoteles geht die Auffassung zurück, dass ein Krieg nicht um des Krieges, sondern um des Friedens willen zu führen sei (Eth. Nic. 10, 1177b 4).
  • Nicht zuletzt lohnt gerade im Lateinunterricht ein Blick auf die Parallelen zwischen der Ilias und Odyssee und Vergils Aeneis; beispielhaft seien hier nur genannt: Seesturm durch die Hand eines verstimmten Gottes (Poseidon – Juno mithilfe von Aeolus); die lange Unterbrechung der Reise bei einer Frau (Kalypso / Kirke – Dido); der Gang in die Unterwelt; die Begegnung mit Skylla und Charybdis, den Kyklopen (hier begegnet Aeneas gar einem Gefährten des Odysseus) und Sirenen; die Schildbeschreibung, der Zweikampf (Achill / Hektor – Aeneas / Turnus) u. v. m.
    Die Untersuchung kann unter einem bestimmten thematischen Aspekt, z. B. Flucht3, stattfinden, die Schüler können aber auch einzelne Szenen exemplarisch untersuchen oder das Gesamtkonzept (Parallelen im ersten Teil der Aeneis zur Odyssee, im zweiten Teil zur Ilias) betrachten.

 

aus: AU 3+4/20, Homer, S. 17.

 


1 Zitat-Herkunft unbekannt.

2 Auffassungen von Platon und Aristoteles aus Schirok, Edith: „Zur Denkfigur des bellum iustum“, S. 3 in: AU 2+3/15, bellum iustum. 

AU 2+3/15, bellum iustum

3 Vgl. z. B. unter dem Thema  „Flucht“ die Artikel von Peter Riemer (4 – 9) und Karl-Heinz Niemann (22 – 37) in AU 4+5/16.

AU 4+5/16, Flucht

Fakten zum Artikel
Fachwissen Schuljahr 10-13
Zeitschrift
Der Altsprachliche Unterricht Nr. 3/4 2020 Homer

Homers Epen, die Ilias und die Odyssee, stecken voller menschlicher Themen: Agamemnons blinde Starrköpfigkeit zieht Achills Zorn nach sich, Odysseus‘ Sehnsucht nach Ithaka und Penelope lässt ihn alle Hindernisse und Verlockungen überwinden.

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