Oliver Meuser

Herodot – ein φιλοβάρβαρος zwischen Kulturvermittlung und Standortbestimmung

Darstellung einer Proskynesis auf dem sogenannten Schatzhausrelief aus Persepolis.
Die Proskynese − bei den Griechen üblicherweise als typischer Ausdruck persischer Despotie dargestellt – wird von Herodot wertfrei als eines von drei Begrüßungsritualen beschrieben., © A. Davey / Flickr, CC-BY

Oliver Meuser

Als Erzähler und als Kulturforscher liefert Herodot den Lernenden ein Modell für einen vorurteilsfreien Umgang mit dem Fremden. Seine Darstellung des Fremden bietet vielschichtige Perspektivität und anthropologische Konstanten. Die gewandelten Umstände von Fremderfahrungen liefern kritische Einsicht in die Gegenwart. Die Wandlung des Erzählers mit seiner impliziten Standortbestimmung fordert zur Reflexion über den eigenen Standort auf.

Herodot erforscht in der ersten Werkhälfte fremde Kulturen mit grenzenloser Neugier, in der zweiten Werkhälfte versucht er in Abgrenzung von den Persern einen eigenen Standort zu bestimmen. Als Erzähler bietet er ein Modell für einen von Neugier und Forschungsdrang getriebenen Reisenden, der fremde Kulturen und auch seine eigene Kultur unvoreingenommen und frei von Ethnozentrismus betrachtet, weil er sich als echter „Barbarenfreund (φιλοβάρβαρος)1 für Menschen und ihre νόμοι interessiert.
„Herodot erkannte als erster, dass die Vielfalt der Welt immanenter Bestandteil ihres Wesens war. ‚Nein, wir sind nicht allein, sagt er den Griechen in seinen Historien, und um das zu belegen, unternimmt er seine Reisen bis an die Ränder der Welt. ‚Wir haben Nachbarn, und die haben wieder Nachbarn, und alle zusammen bewohnen wir einen Planeten.2
Ziel und Konzeption der Reihe
Zur Förderung interkultureller Kompetenzen setzen sich die Lernenden mit ausgewählten Stücken aus der ersten und zweiten Werkhälfte der Historien auseinander. Der Einstieg, in dem die Lernenden ihre eigenen Erfahrungen mit Fremdbegegnungen reflektieren und so in eine Kommunikation über Fremdkulturelles auf synchroner Ebene eintreten, dient der Sensibilisierung einerseits für Kategorien interkulturellen Denkens, andererseits aber auch für die Frage nach dem eigenen Standort. Je nach Ergiebigkeit der Ergebnisse können diese entweder noch innerhalb des Einstieges oder am Ende der Reihe auf einer diachronen Ebene den antiken Bedingungen gegenübergestellt werden. Die lektürebegleitende Leitfrage ermöglicht ein aspektgeleitetes Abschlussgespräch (Material 1 ).3
Voraussetzungen
Die Reihe setzt die Lektüre der programmatischen Teile von Buch 1 voraus, die Grundlage für das Verständnis von Herodots Geschichtsbild sind und bildungshistorisch mit Recht den gemeinsamen Nenner der deutschen Curricula bilden.4
Zur Förderung der (inter)kulturellen Kompetenz sollte den Lernenden ein didaktisiertes Grundwissen zur Verfügung gestellt oder im Laufe der Reihe erarbeitet werden. Zur Förderung eines vertieften interkulturellen Verständnisses sind die Stücke der Hauptlektüre in der Regel um Expertentexte ergänzt.
Die Perser
Den Persern gibt Herodot das erste (Hdt. 1,1) und das letzte Wort in den Historien (Hdt. 9,122).5 Damit würdigt er einerseits die historische Bedeutung der Perser und ihre Bedeutung für die Historien selbst, dienen doch die Perserkönige als deren chronologisch-thematisches Strukturierungsprinzip, das es Herodot ermöglichte, die von ihm gesammelten geographisch-ethnographischen Informationen immer dort anzubringen, wo die jeweilige Region erstmals mit dem Expansionsdrang der Perserkönige in Berührung tritt;6 andererseits würdigt er ihre Bedeutung für die kulturelle Identität der Griechen, die sie erst in der Auseinandersetzung mit dem großen Gegner entwickelten.7
Von den Sitten der Perser (1,131 – 140), die Herodot im Anschluss an Kyros Herrschaftsübernahme behandelt , eignen sich besonders die Abschnitte zu Religion (131 – 132), Begrüßung (134), zum toleranten Eklektizismus (135) und Quantität als persischer Wert (136) (Material 2 ).
Religion und Sitten der Perser (1,131 – 136)
Über den Gottesdienst weiß Herodot (οἶδα), dass die Perser nicht den Brauch haben, Standbilder, Altäre oder Tempel für ihre Götter zu errichten, und dass sie Leute, die das tun, für töricht halten, und zwar – wie er selbst meint (ὡς μὲν ἐμοὶ δοκέειν) – weil sie nicht zum Glauben gelangt sind, die...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2020

Interkulturalität

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 10-13