Anne Krabbe

Faszination Homer

Zeichnung von Aime de Lemud, Achill konfrontiert Agamemnon.
Achill konfrontiert Agamemnon., Foto: © imago images / KHARBINE-TAPABOR

Anne Krabbe

Homer im Latein- und Griechischunterricht

Homer ist mit der Ilias der Verfasser des ersten literarischen Werkes der abendländischen Kultur. Zugleich ist er aber auch Psychologe, Rhetoriker, Politiker, Erzähltechniker und Meister der großen Gefühle. Nachvollziehbar legt er Gründe dar, mit welchen Motiven und Zielvorstellungen Menschen in seinen Werken Ilias und Odyssee handeln und Fehler machen. Deshalb hat Homer über die Jahrhunderte hindurch nichts von seiner Faszination eingebüßt. Schülerinnen und Schüler fühlen mit,1 wenn Achill voller Sorge um das griechische Heer im ersten Gesang der Ilias eine Heeresversammlung einberuft.
Sie verstehen seinen Zorn auf Agamemnon, der den besten seiner Krieger durch den Entzug seiner verdienten Kriegsbeute vor aller Augen erniedrigt und so nachvollziehbar ungerecht behandelt . Zornig schwankt Achill zwischen dem Wunsch, Agamemnon zu erschlagen und seiner Selbstkontrolle. Und die Schüler erkennen, warum er nach der Intervention von Athene selbst entscheidet, Agamemnon doch nicht zu töten (Hom. Il. 1,188 – 217).
Achill erlebt in der Ilias ein Wechselbad der Gefühle: Verletzt in seinem Stolz zieht er sich zurück, bittet seine göttliche Mutter Thetis, die Griechen für die ungerechte Behandlung zu bestrafen, und ist am Ende so verrannt in seine Starrsinnigkeit, dass er fahrlässig das Leben seines besten Freundes opfert, indem er ihn in seiner Rüstung in den Kampf schickt. Erst dann erwacht er aus seiner Blickverengung2 und richtet nun seinen Zorn gegen die Troianer und hier ganz speziell gegen Hektor, der Patroklos im Kampf erschlug. Sein Zorn kommt erst zum Erliegen, als er in Priamos, der sich wagemutig in das Zelt des Feindes begibt, seinen eigenen Vater Peleus zu erkennen glaubt – einen Vater, der um seinen Sohn trauert (24,486ff.).3
Zu Tränen rührt die Szene zwischen den Eheleuten Andromache und Hektor im sechsten Gesang der Ilias (6,370 – 502) .4 Hektor, der für Andromache alles ist, befindet sich in dem Glauben, für Troia bis zum letzten Atemzug kämpfen zu müssen (6,443ff.). Er habe immer an vorderster Front gekämpft und dürfe jetzt kein Feigling sein. Er überhört die strategischen Beobachtungen seiner Frau (6,433f.); Andromache solle an ihre Hausarbeiten zurückkehren, Krieg sei Männersache (6,490ff.). Dass aber eigentlich sein Vater und König Priamos ein Machtwort an Paris richten sollte, ihn dazu auffordern sollte, Helena zurückgegeben, wie es nach dem verlorenen Zweikampf zwischen Paris und Menelaos hätte geschehen sollen, das kommt dem besten Krieger der Troianer nicht in den Sinn. Hektor sagt sogar selbst, dass der Tag kommen werde, an dem Troia fallen werde (6,448: ἔσσεται ἦμαρ ὅτ ἄν ποτ ὀλώλῃ Ἴλιος ἱρὴ). Seine Perspektive ist so verengt, dass er aber nicht erkennt, dass mit seinem Tod auch Troia fallen wird.5 Eine Deutungsmöglichkeit zu seinem Namen lautet, dass er sich vom griechischen Wort ἔχω, „halten herleiten könnte: Hektor wäre also derjenige, der standhält oder alles – in dem Fall die Stadt Troia – zusammenhält.
Erzähltechnisch bereitet Homer den Leser auf das Ende Hektors vor, denn nach dieser Szene beginnen die troischen Frauen mit einer Klage, als wäre Hektor bereits tot (6,500).
Weil Homer die Ursachen, Motive und Ziele des Handelns6 seiner Figuren so transparent macht, bietet die Lektüre das Potenzial, beim Leser eine Reflexion eigenen Handelns anzuregen.
Homer in Lehrbüchern der alten Sprachen
Folgende Themen aus Homers Ilias und Odyssee haben Einzug in die gängigen Latein- und Griechischbücher gefunden: Hektor und Andromache, die Mauerschau, Penelope vermisst Odysseus, Odysseus bei den Kyklopen und Odysseus bei den Sirenen. Weitere mythische Stoffe sind nicht Bestandteil von Homers Epen, stammen jedoch aus dem troianischen Sagenkreis: das Parisurteil, der Kampf um die Waffen des Achill, das hölzerne Pferd und der Kampf um Troia,7 Aeneas Flucht aus dem brennenden Troia sowie die...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Homer

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 7-13