Katrin Siebel

Wortschatzarbeit, Sprachbildung und Mehrsprachigkeit

Kletterin an einer Kletterwand mit vielen Hand- und Fußgriffen.
Kletterwand-Metapher: Mehr Steigeisen erleichtern interlinguale Vernetzung und ermöglichen damit schnelleres Vorankommen durch das Erkennen zusammenhängender Wörter., Foto: © Dragon Images / Shutterstock.com

Katrin Siebel

Die Schülerinnen und Schüler lernen, Herkunft und Bedeutung lateinbasierter Wörter im Deutschen und in anderen Sprachen herzuleiten, und vertiefen durch diese Reflexion und Verknüpfung ihre Sprachkenntnisse in den beteiligten Sprachen. Wie dies gelingen kann, zeigt dieser Beitrag auch anhand von Beispielen aus verschiedenen Lehrbüchern.

Ziel der Sprachförderung sowie der Sprachbildung im Deutschen ist unter anderem das Verstehen aller Wörter, die zur deutschen Sprache gehören, sowie der korrekte mündliche und schriftliche Umgang mit ihnen. Dabei umfasst insbesondere das Register Bildungssprache zahlreiche Wörter, die aus dem Lateinischen stammen.1 Davon wiederum sind viele ebenso in modernen Fremdsprachen anzutreffen, in denen sie teils morphologische, teils auch semantische Ähnlichkeiten mit den lateinbasierten Wörtern aufweisen.
Ist Lernenden die Herkunft eines Wortes bewusst, kann es schneller in den Kontext eingeordnet, verstanden und auch korrekt geschrieben werden (Tabelle 1 ). Ziel im Lateinunterricht sollte es daher sein, Wortschatzarbeit so zu gestalten, dass standardsprachliche Redemittel eingeführt werden und Lernende die Kompetenz entwickeln, Herkunft wie Bedeutung lateinbasierter Wörter abzuleiten, im Deutschen und in anderen Sprachen. Für die Sprachbildung bietet sich im Kanon der Schulfremdsprachen gerade der Lateinunterricht sehr an, da Sprachreflexion zum Fachprofil gehört.
Anleitung zu Erschließung und Transfer
Lernenden ist es vielfach möglich, Wörter im Deutschen sowie in modernen Fremdsprachen auf deren lateinischen Ursprung zurückzuführen, intralinguale (binnensprachliche) und interlinguale (zwischen Fremdsprachen, auch einschließlich der Muttersprache) Sprachverwandtschaft zu erkennen und Bedeutungen zu erschließen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist jedoch die Anleitung dazu im Lateinunterricht.
Drei verschiedene Bereiche bzw. Schritte, die zur mehrsprachigen und damit implizit sprachbildenden Wortschatzarbeit gehören, werden im Folgenden beschrieben:
  • sprachliche Verwandtschaft erkennen;
  • Wörter segmentieren;
  • Bedeutung erschließen.
Alle drei Bereiche werden durch unterschiedliche Übungsformate in den Lateinlehrwerken bedient.
Sprachliche Verwandtschaft erkennen
Die Grafie ist aufschlussreich, sodass auch sprachunerfahrene Lernende interlinguale Zusammenhänge bei der Lexik selbst entdecken können. Dies fällt umso leichter, je mehr Buchstaben zu Beginn eines unbekannten Wortes mit dem Wortbeginn des bekannten übereinstimmen. So dürften Lernende kaum Probleme haben, lat. victoria und engl. victory zusammenbringen, bei lat. turba, populus und engl. trouble, people wird es dagegen schon schwieriger: Vorteilhaft beim ersten Beispiel ist neben der ähnlichen Schreibweise auch die Übereinstimmung der Wortbedeutung. Bei den beiden letztgenannten Beispielen sind nur der jeweils erste Buchstabe identisch und zudem einzelne Vokale und Konsonanten in der Wortmitte. Das sind zwar Anhaltspunkte für interlinguale Zusammengehörigkeit, sie stellen aber den sprachunerfahrenen Lernenden vor eine größere Herausforderung und einen eventuellen Misserfolg beim Erkennen der Sprachverwandtschaft. Auch ist die Wortbedeutung im Lateinischen nicht direkt übertragbar: turba, die (Menschen-)menge, Unruhe vs. trouble, die Sorge, der Ärger; populus, das Volk vs. people, Leute – siehe in dem Zusammenhang das Stichwort „Levenshtein-Distanz:
Begriffsklärungen
Begriffsklärungen
Levenshtein-Distanz
Die sogenannte Levenshtein-Distanz (auch Editierdistanz), benannt nach dem russischen Wissenschaftler Wladimir Lewenstein (engl. Levenshtein), ermittelt den Abstand von zwei Zeichenketten; im Kontext hier: von Wörtern. Sie bezeichnet die minimale Anzahl von Einfüge-, Lösch- und Ersetz-Operationen, um die erste Zeichenkette in die zweite umzuwandeln. Im lexikalischen Kontext kann sie dazu genutzt werden, die „Entfernung und damit auch die Schwierigkeit zu ermitteln, um von einem...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 6 / 2018

Sprachbildung und Sprachförderung

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-9