Dan Drescher / Eva Werner

Was ist Norm, was ist Abweichung?

Illustration nach John Flaxman: Odysseus weint beim Lied von Demodokos
Odysseus weint beim Lied von Demodokos, Foto: © Lebrecht Music & Arts / Alamy Stock Foto

Dan Drescher / Eva Werner

Antike Geschlechterbilder und die gender studies als Herausforderung an die Schule

„Geschlecht ist eine Kategorie, die für Gegenwart und Antike gleichermaßen konstitutiv ist. Ausstellungen wie „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Flies (Liebighaus, Frankfurt/M., 5.10.2018 – 10.2.2019) oder „Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden? Krieg und Geschlecht (Militärhistorisches Museum, Dresden, 27.4. – 30.10.2018) können als Beleg dafür gelten.
Wie ist „Geschlecht zu verstehen? Der Begriff „gender stellt vor allem den sozialen Charakter der Geschlechterunterscheidung sowie ihren relationalen Aspekt in den Vordergrund: Rein biologische Erklärungen für Geschlechterbilder und Praktiken einer Gesellschaft werden von gender-Forscher*innen also abgelehnt zugunsten der Untersuchung sozialer Konstruktionen von Geschlecht. Das bedeutet nicht, dass es keine biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe, sondern dass diese biologischen Unterschiede die Geschlechterkonstruktionen und Sexualitäten einer einzelnen Gesellschaft (und vor allem die Unterschiede zwischen ihnen!) nicht wesentlich erklären können. Wenn der soziale und kulturelle Aspekt der Unterscheidung „Mann“ – „Frau betont wird, ist es umso zentraler, beide Geschlechter immer in ihrem Verhältnis in den Blick zu nehmen: Informationen über Frauen sind dann notwendigerweise auch Informationen über Männer. Diese zentralen Aspekte prägen den Paradigmenwechsel, der unter dem Stichwort „gender studies in sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung stattgefunden hat und dem ca. seit dem Ende der 1980er-Jahre auch die Altertumswissenschaften gefolgt sind. Die gender studies erheben dabei den Anspruch, nicht einfach einen neuen Begriff zur Beschreibung von „Frauenthemen zu bieten, sondern sehen gender als konstitutives Element sozialer Beziehungen und als Weg, Macht in einer Gesellschaft zu organisieren.1
Die Rolle literarischer Texte
Welche Rolle spielen literarische Texte bei der Untersuchung dieser sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlecht? Sie sind wichtige Kulturprodukte und damit Indikatoren für das kulturelle Verständnis von Geschlecht und Sexualität in einer Gesellschaft. Die Geschlechterbilder in der Literatur stehen damit in einem Nähe-Distanz-Spannungsverhältnis zur antiken Lebenswelt auf der einen und zur antiken Literatur mit z.B. ihren Gattungskonventionen auf der anderen Seite. Die Untersuchung dieses Spannungsverhältnisses ist ein aktiver Prozess, in dem wir als Interpret*innen auch unseren eigenen Erfahrungshorizont einbringen. Es besteht die Gefahr, dass wir dabei, wie es uns passt, entscheiden, was Imagination und was Realität ist, und somit die Stereotype unserer eigenen Zeit reproduzieren. Um dem zu entgehen, ist es wichtig, auch im Unterricht sehr bewusst zwischen den verschiedenen im Schaubild dargestellten Ebenen zu vermitteln.
Literatur als Teil der Diskurse einer Gesellschaft positioniert sich also zur Lebenswelt von Frauen und Männern, von gender, indem (reale und fiktive) Autoren die literarischen Figuren in den Kontext von Lebenswelt auf der einen Seite und von Literatur auf der anderen Seite stellen. Diese Figuren werden in ihrer jeweiligen literarischen und/oder historisch-gesellschaftlichen Positionierung gestaltet: Sie nehmen – mit Blick auf Weiblichkeit und Männlichkeit – Geschlechterrollen ein bzw. ihre Gestaltung lässt sich als Geschlechterbild und ihre Interaktion als Geschlechterverhältnis bezeichnen.
Um die Antike und damit antike Texte bzw. Lehrbuchtexte, d.h. an die antike Lebenswelt angelehnte Texte, umfassend verstehen zu können, müssen Geschlechterbilder als Interpretationskategorie berücksichtigt werden.2 Zunächst soll aus fachwissenschaftlicher Perspektive auf aktuelle Forschungstendenzen und Diskussionen im Zusammenhang mit Geschlechterbildern geblickt werden. Anschließend werden fachdidaktische Grundlagen und Möglichkeiten...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2019

Geschlechterbilder

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13