Lena Florian

Verstehen sichtbar machen – methodische Anregungen

Foto des Forum Romanum
„Senator auf das Forum eilen, denn dort Kurie ist.“ – „Der Senator beeilte (sic) sich auf das Forum, denn dort steht die Kurie.“ Die Überarbeitung nach der Reflexion zeigt einen Fortschritt., Foto: © Luca Santilli / Shutterstock.com

Lena Florian

Schülerübersetzungen alleine sind als Diagnose- und Leistungsmessungsinstrument unzureichend. Um den Verstehensprozess der Schüler zu verdeutlichen, messbar zu machen und gezielt zu fördern, werden hier verschiedene Methoden und Reflexionswerkzeuge vorgestellt.

Übersetzen stellt die Haupttätigkeit eines jeden Lateinunterrichts dar. Viele Dekodierungsmethoden sind darauf bedacht, die Schülerinnen und Schüler in ihrem Übersetzungsprozess zu unterstützen, übersehen dabei jedoch oft, dass dieser vor allem auch vom Textverstehen der Schüler abhängt. Die Förderung von Textverstehen entwickelt sich immer mehr zu einem essenziellen Bestandteil von Übersetzungsarbeit im Lateinunterricht. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die Schülerübersetzung als alleiniges Diagnose- und Leistungsmessungsinstrument leider unzureichend ist. Um die Zusammenhänge deutlich zu machen, werde ich zunächst den Einfluss von Textverständnis auf den Übersetzungsprozess anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen erläutern. Darauf aufbauend werden verschiedene methodische Möglichkeiten vorgestellt, sowohl die Übersetzungsarbeit als auch den Verstehensprozess der Schüler für Lehrkräfte greifbarer und damit messbar zu machen. Die Schüler begleiten dabei in angeleiteter Form ihre Übersetzung mit verschiedenen digitalen Reflexionswerkzeugen, in denen sie ihr Vorgehen erläutern. Diese Methodik wird beispielhaft anhand ausgewählter Schülerarbeiten vorgeführt.
Die Verzahnung von Verstehen und Übersetzen aus wissenschaftlicher Perspektive
Jeder, der schon einmal eine Lateinklassenarbeit korrigiert hat, hat die Erfahrung gemacht, dass Schüler dazu neigen, lateinische Bedeutungen über den Text zu schreiben (Abb. 1 ). Dieses Vorgehen ist intuitiv und selten durch die Lehrkraft intendiert. Ihr Ursprung liegt in der begrenzten Arbeitsgedächtniskapazität. In der ersten Fremdsprache können wir bis zu acht Informationen gleichzeitig aktiv im Arbeitsgedächtnis halten.1 Das ist aber nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Sprachliche Informationen werden mithilfe der phonologischen Schleife aufgenommen und aktiv gehalten. Dabei findet ein Selektionsprozess statt. Alle Reize und Informationen, mit denen wir konfrontiert werden, werden nach Relevanz sortiert. Erscheint uns eine Information nicht relevant, wird sie auch nicht aufgenommen und verarbeitet. Da wir im muttersprachlichen Verstehensprozess Verständnis vor allem auf Grundlage der Semantik bilden, haben auch in der Fremdsprache Wortbedeutungen eine gesteigerte Relevanz. Aus diesem Grund liegt der Fokus der Schüler beim Übersetzen aus dem Lateinischen ebenfalls auf Wortbedeutungen. Sie müssen aber beim Übersetzen nicht nur die Bedeutungen eines Wortes im Arbeitsgedächtnis halten, sondern zusätzlich weitaus komplexere Operationen im Übersetzungsprozess durchführen. Das Festhalten der Bedeutungen über dem Text ist also eine für die Schüler notwendige Methode, um mit der Komplexität des Übersetzungsprozesses an sich fertigzuwerden.
Auch in anderen Bereichen des Übersetzens hängt ihr Vorgehen vom Arbeitsgedächtnis ab. Das Arbeitsgedächtnis steuert die Aufnahme von Informationen und somit auch die Aufnahme des Textinhalts. Es ist also maßgeblich für den Verstehensprozess verantwortlich. Daran orientiert sich der übergeordnete Rhythmus der Schüler beim Übersetzen. Je nachdem, welche Informationen die Schüler gerade für ihren Verstehensprozess benötigen, gehen sie zyklisch beim Übersetzen eines Satzes vor.
Verstehensprozess der Schüler
Sie betrachten zunächst Einzelwörter und nehmen somit Einzelinformationen auf, daran anschließend beschäftigen sie sich mit Wortblöcken, in denen sie bereits Einzelinformationen verknüpfen und in einzelnen Sinneinheiten in ihr vorhandenes Verständnis versuchen zu integrieren. Daraufhin überprüfen sie wiederum Einzelinformationen und beschäftigen sich erneut mit einzelnen Wörtern. Diese Phasen durchlaufen sie zyklisch, bis sie zu einem für sie...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

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Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Lena Florian