Andreas Hensel

Überprüfen von Textverständnis – neue Wege der schriftlichen Leistungsfeststellung im altsprachlichen Unterricht

Symbolbild: Viele verschiedene Pfeile zwischen A und B
Ein Aspekt bei der Überprüfung von Schülerleistungen ist die methodische Vielfalt. Schüler sollten die ihnen angemessen erscheinenden Verfahren zunehmend eigenständig auswählen können., Foto: ©Anson0618/Shutterstock.com

Andreas Hensel

Vertieftes Textverständnis als Leitziel der Alten Sprachen Anspruch und Wirklichkeit

Das Leitziel der Alten Sprachen ist das Erreichen eines vertieften Textverständnisses. Die Säulen des modernen altsprachlichen Unterrichts bilden daher die Erschließung, Interpretation und Übersetzung von Texten .
Die gegenwärtige Fachdidaktik hat den Blick für die Vielfalt des Faches geschärft, das Schülern zu einem kompetenten, soliden Umgang mit Texten verhilft wie kaum ein anderes Schulfach und dabei Erkenntnisse der Lese- und Gedächtnisforschung berücksichtigt.1 Dazu gehört, dass man ihnen die Möglichkeit eines ganzheitlichen Zugangs zum Text gibt, damit sie ihn in aller Ruhe sprachlich, strukturell und inhaltlich durchdringen können. Denn lateinische Texte sind meist schwierig, sodass ein intuitives Verstehen nur in eingeschränktem Sinn möglich ist.2 In der Regel muss eine Dekodierung den Verstehensprozess einleiten, der dann durch die Formulierung in der Zielsprache (Rekodierung) abgerundet werden kann.
Richtet man den Blick auf die empirisch abgesicherten Ergebnisse der modernen Leseforschung, wird deutlich, dass Textverstehen vor allem über zwei Strategien verläuft: Zum einen orientiert sich der Leser an sprachlichen Detailinformationen (Lexik, Morphologie, Syntax) und konstruiert aus ihnen Textsinn; zum anderen verfügt jeder Leser über sogenannte „frames und „scripts, mentale Ordnungsmuster des Weltwissens, die beim Verstehensprozess auf den Text projiziert werden. Im Abgleich von Vorwissen und Vorerwartung an den Text werden so z.B. semantische Spektren von Wörtern geprüft,3 um eine Kohärenz zwischen Text und Weltwissen zu erreichen.4 Die Kombination beider Strategien, der beständige Blick auf sprachliche Details und gleichzeitig der Abgleich der frames und scripts mit dem Textganzen, bildet das natürliche Leseverhalten.5
Ein verhängnisvoller Kaltstart
In der Bewertungspraxis des altsprachlichen Unterrichts spiegelt sich dieser komplexe Verstehensprozess noch nicht hinreichend wider, und so verwundert es nicht, dass die fachdidaktische Diskussion intensiv um die Frage kreist, wie der Dreischritt von Erschließen, Interpretieren und Übersetzen auch in den schriftlichen Überprüfungen abgebildet werden kann:6 Mittlerweile gibt es eine etliche Anregungen und Modelle für Klassen- und Kursarbeiten, die eine differenziertere Form der Überprüfung von Textverständnis ermöglichen; dennoch verändert sich die Überprüfungspraxis nur zögerlich. Das vorliegende Heft will daher Bestandsaufnahme und Impuls zugleich sein und die Kolleginnen und Kollegen ermutigen und bestärken, über den Einsatz neuer Überprüfungsformate nachzudenken.
Nach wie vor scheint die Rekodierung ins Deutsche vielerorts als der Königsweg zu gelten und der „graduelle Prozess der Bedeutungsaufhellung einer Textganzheit (Herkendell, AU 6/2013, S. 60) wird nicht immer angemessen abgebildet. Neben der Textinterpretation scheint Textverständnis v.a. in einer Übersetzung abgeprüft zu werden, ja Verstehen und Übersetzen werden geradezu gleichgesetzt, obwohl die Forschung gezeigt hat, dass beide Akte durchaus klar voneinander unterscheidbar sind.7 Es gibt eine Reihe von Gründen für dieses Problem auf Schüler- und Lehrerseite:
Der bei den meisten Schülern zu beobachtende Drang zum Übersetzen ist zum einen auf die spezifischen Verständnisschwierigkeiten der lateinischen Texte (im Unterschied etwa zu modernen Fremdsprachen) zurückzuführen.
Zum anderen sind die Schüler natürlich auch durch eine übersetzungslastige Unterrichts- und Prüfungspraxis geprägt – die Übersetzung wird immer noch als Kontrollinstanz für Grammatik-Kenntnisse missbraucht –, die zu unerfreulichen Strategien in Klausursituationen führt: So konnte Florian nachweisen, dass Schüler erlernte Erschließungsmethoden ignorieren und sich während des Erschließungsvorgangs verstärkt auf die semantische Ebene konzentrieren (das Nachschlagen von Vokabeln und die...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

Textverständnis überprüfen

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Andreas Hensel