Hans-Joachim Glücklich

Textverstehen und Überprüfungsformen

Täfelung an einer Wand in Alicante: Hamilkar blickt auf sein Heer.
Anhand von Sachfeldern kann man den Verlauf eines Textes oft bereits grob nachvollziehen. In Nep., Ham. 4 spielen zunächst die Sachfelder „erfolgreiche Aktionen“, „Krieg“ und „Tod“ eine Rolle. Eine Bildbetrachtung kann auf diese Sachfelder führen oder die Sachfeldbeobachtung unterstützen., Foto: © akg-images / De Agostini Picture Lib. / G. Dagli Orti

Hans-Joachim Glücklich

Die Formen der schriftlichen Überprüfungen beschränken sich oft nur auf einen Teil der Unterrichtstätigkeit, statt den gesamten Prozess des Textverstehens und der grammatischen, semantischen und pragmatischen Grundlagen in den Blick zu nehmen. Die Vorstellung von verschiedenen Formen schriftlicher Überprüfungen im Lektüreunterricht soll Anregungen zur Diskussion geben.

Dass das Textverstehen eines Lesers überprüft wird, erscheint kurios, denn wie jemand einen Text versteht, ist zunächst einmal seine Sache. Familien streiten über die Auslegung einer Montageanweisung, Juristen über die Auslegung von Gesetzestexten. Dass man über das Verständnis eines wissenschaftlichen oder historischen Textes diskutiert, ist Sache der Wissenschaft, an der die Öffentlichkeit gegebenenfalls teilnimmt. Dass man über das Textverständnis bei poetischen Texten diskutiert, erscheint als Sache von Philologen und Ästheten. In der Schule aber will man vermitteln, wie man Texte zu verstehen hat, will dazu Kompetenzen ausbilden und überprüfen, ob sie erreicht werden.
Was gehört alles zum Textverstehen?
Haupttätigkeiten im Lateinunterricht sind das Erfassen, Übersetzen und Interpretieren von Texten. Grundlage der textimmanenten Interpretation und ebenso der Erschließung und Übersetzung von Texten ist die genaue Beobachtung der Texte und ihrer grammatischen und semantischen Signale.
Auch das Übersetzen ist Interpretieren. Denn in der Regel stellt es dar, was der Übersetzer vom Text verstanden hat und wie er ihn verstanden hat, gründlich oder weniger gründlich, mit Einfühlung oder eher distanziert, mit Verständnis für die Atmosphäre eines Textes oder nicht.
Textverstehen erfolgt durch
  • Erfassen der Textsorte (Erzählung, Dialog, Monolog, Brief, Diskurs, Rede, Anordnung)
  • Erfassen und Darstellen des semantischen Verlaufs,
  • Thema-Rhema-Gliederung,
  • Erfassen eines Themenwechsels,
  • Erkennen des Aufbaus und des Inhalts,
  • Beobachtungen des Tempusreliefs und Analyse der Erzählteile und ihrer Tempora
  • Personenverteilung: 1., 2., 3. Person, also Erzähler/Redner, Angesprochener, Besprochene und Besprochenes.
  • Erfassen der Gliederung durch Modi in Wünsche, Aussagen, Fragen.
Wer Texte so gliedert und beschreibt und jeweils den Inhalt der Sätze angibt, zeigt oft mehr Textverstehen als jemand, der schlecht oder recht mit Formeln arbeitend übersetzt.
Widerspruch von Texttheorie und Kompetenzkatalogen zu eingeschränkten Überprüfungsformen
In der Lektürephase beschränkten sich die Formen der Klassenarbeiten lange Zeit ganz auf die Übersetzung eines lateinischen Texts. Dann kamen Interpretationsfragen hinzu. In manchen Bundesländern und in den EPAs zeigt sich dabei auch heute eine unerhörte Distanz zwischen Praxis und Theorie. Immer wieder wird ja behauptet, man könne nur solche Texte interpretieren, die man auch lateinisch gelesen und die man übersetzt habe. Dies ist schon wegen der unterstellten Reihenfolge falsch, denn das Übersetzen kann erst nach der textimmanenten sprachlichen und semantischen Interpretation gelingen; sonst wird es oft nur ein groteskes Übersetzungsdeutsch.
Erst recht aber widerspricht dem die Praxis des schriftlichen Abiturs. Dort soll erst ein Text ins Deutsche übersetzt werden, und zwar nur übersetzt werden. Dann wird ein zweiter Text mit Übersetzung vorgelegt. Dieser soll interpretiert werden. Eine Auseinandersetzung mit der Erschließung der Semantik, der Syntax, der Form des Textes erfolgt dabei höchstens rudimentär. Würde man die Behauptung ernst nehmen, dass nur gute Lateinkenntnisse zu einer stimmigen Interpretation führen, dann müssten diese Interpretationsarbeiten zumindest einen größeren Teil haben, der den lateinischen Text mit der vorgelegten deutschen Übersetzung vergleicht.
Warum Übersetzen das Textverstehen nur unzureichend überprüft
Beispiel:
Text und Übersetzung: Nepos, Hamilcar 4
Text und Übersetzung: Nepos, Hamilcar 4
(1) At Hamilcar, postquam mare trānsiit in...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

Textverständnis überprüfen

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Abitur & Prüfung Schuljahr 5-13
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Hans-Joachim Glücklich