Sebastian Krinner

Tabulae moveantur!

Symbolbild: Filmstreifen
Mithilfe des Programms PhotoFilmStrip können Auszüge aus einem Bild zu einer Bildsequenz zusammengestellt werden., Lutz Dieckmann / pixabay

Sebastian Krinner

Bildverfilmung im altsprachlichen Unterricht

Mithilfe universell anwendbarer Arbeitsmaterialien und intuitiv zu bedienender Software erschließen die Schüler altsprachliche Texte einmal auf eine ganz andere Weise und erweitern damit wechselseitig ihre Text-, Bild- und Medienkompetenz. Aus der Übersetzungsarbeit wird so ohne großen Aufwand eine Filmproduktion.

Im Filmklassiker „Blow Up1 macht der Fotograf Thomas in einem Londoner Park Schnappschüsse eines offenbar heimlichen Liebespaares. Als Thomas die Aufnahmen später in seinem Studio vergrößert, bemerkt er sukzessive undeutliche Details: ein Gesicht im Gebüsch (ein Voyeur?), eine Pistole (ein Mörder?), einen liegenden Körper (eine Leiche?). Die Kamera folgt Thomas Blick, während er die Bilddetails immer wieder neu zusammenfügt – eine Sequenz von beeindruckender Intensität.
Wie in der Filmszene kann das sukzessive Betrachten von Bildern und Bildausschnitten neue Erkenntnisse erbringen. Dies kann man im altsprachlichen Unterricht für Texterschließung, Textverständnis und Interpretation nutzen.2 Dabei stehen allerdings keine Fotos zur Verfügung, sondern traditionelle Bildsorten wie Historienbilder, Statuen, Reliefs oder moderne Gemälde. Hier stößt man oft an die Grenzen der Narrativität: Während Texte Erzählungen sind, die eine Vor-, Haupt- und Abschlusshandlung entwickeln, verdichtet das unbewegte Bild diese Erzählung auf einen vom Künstler bestimmten Hauptaspekt und lässt die narrative Struktur vorerst offen. „Bildsequenzen oder „Bilderfilme hätten also gegenüber dem Einzelbild große Vorteile bei der Textarbeit – wenn es sie denn in angemessener Form und Qualität gäbe. Die hier präsentierte „Bildverfilmung stellt ein Verfahren dar, mit dem Lehrer wie Schüler aus einer künstlerisch hochwertigen und interpretativ besonders angemessenen Kunstdarstellung einen Bilderfilm gestalten können, der der Narrativität des Textes entgegenkommt.
Dabei werden Bild und Text in das Medium Film „übersetzt, indem einzelne Bildausschnitte zu einer Sequenz montiert werden, die den Textinhalt möglichst exakt wiedergibt.3 Bild und lateinischer Text werden damit zur Grundlage für ein Storyboard. Neben dem Kontakt mit filmischen Techniken ermöglicht diese Methode den Schülern eine vertiefte Auseinandersetzung mit Text und Bild: Die Plausibilität der Interpretation wird während des Arbeitsprozesses mehrfach hinterfragt und korrigiert. Das Bild macht die Unstimmigkeiten einer misslungenen Übersetzung unmittelbar sichtbar und fordert – vehementer als ein unstimmiger Text – die Korrektur ein.4 So werden zugleich der Sprach- und der Textkompetenzerwerb gefördert.
Besonders reizvoll ist es, dabei die Eigenheiten des Zielmediums auszuschöpfen: In der Gestaltung der Bildsequenzen durch Schnitte und Kamerabewegungen („äußere Montage) wie auch in der Komposition des Einzelbildes („innere Montage oder „Mise-en-scène) liegt ein großes, gestalterisches Potenzial. Einige Anregungen dazu, wie man sprachliche in filmische Stilmittel übersetzen kann, finden Sie in Tabelle 1. Beispielsweise könnte man die brevitas einer sprachlichen Darstellung, etwa in Form von gehäuften Ablativi absoluti oder Asyndeta, mit sogenannten jump cuts aufgreifen.5 So lernen Schüler, die Relevanz der äußeren Form in beiden Medien zugleich zu verstehen.
Das Grundprinzip
Bei der Bildverfilmung werden einzelne Elemente aus dem unbewegten Bild „ausgeschnitten, in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht und nacheinander abgespielt (Abb. 1 ). In einfacher Form (Bildsequenz) lässt sich dies bereits mit einer Präsentationssoftware wie PowerPoint realisieren. Zur Produktion einer Videodatei mit einem Bilderfilm, der Kamerabewegungen, Überblendungen und eine Tonspur6 enthalten kann, ist das Programm PhotoFilmStrip (Material 4 )zu empfehlen. In beiden Fällen lassen sich Untertitel einfügen, doch auch ohne Text wird die narrative Struktur allein durch die äußere Montage verständlich.
Die...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 2016

Digitale Medien

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 9-13
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Sebastian Krinner