Anne Uhl

Sprachmittlung – ein Blick über den Gartenzaun

Illustration: Eine Hand setzt das letzte Brückenstück in eine Brücke.
Mündliche und schriftliche Sprachmittlung ist in den modernen Fremdsprachen gang und gäbe. Es ist zu überlegen, ob sich einzelne Aspekte nicht auch für den altsprachlichen Unterricht nutzen ließen., Bild: © flowerstock/stock.adobe.com

Anne Uhl

Lehrkräfte, die neben einer sogenannten alten Sprache eine moderne Fremdsprache unterrichten, wissen aus der eigenen Praxis, wie sehr sich in methodisch-didaktischer und auch inhaltlicher Hinsicht das Zusammenspiel beider Fächer in beide Richtungen als fruchtbar erweist. Der hier unternommene kleine „Blick über den Gartenzaun möchte den inneraltsprachlichen fachdidaktischen Diskurs über das Heftthema anregen und erweitern.
Im Jahre 2001 sprach der Europarat die Empfehlung aus, Spracherwerb, Sprachanwendung und Sprachkompetenz international transparent und damit vergleichbar zu strukturieren. Der „Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR), den der Europarat zu diesem Zweck vorlegte, ist ein Instrument zur Einschätzung sprachlicher Kompetenz, das mittlerweile aus der Landschaft der Sprachenqualifikationen und auch des Fremdsprachenunterrichts moderner Fremdsprachen nicht mehr wegzudenken ist. Der GeR nennt Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen als grundlegende sprachlich-kommunikative Handlungsbereiche und weist für sie auf drei grundlegenden Stufen, jeweils wieder unterteilt in zwei Niveaustufen, Kompetenzen aus (Tabelle 1 ).
Die Curricula der modernen Fremdsprachen sind seitdem in Orientierung an den Kompetenzbereichen und -stufen strukturiert. Auf Abschlusszeugnissen wird mittlerweile in einigen Bundesländern zusätzlich zur Note die laut Curriculum erreichte Kompetenzstufe ausgewiesen. An bundesdeutschen Schulen kann im Erlernen einer zweiten Fremdsprache maximal das Niveau B2 erreicht werden.1 In den neuesten Curricula wird, als Reaktion auf den GeR, Sprachunterricht das Ziel zugewiesen, Kompetenzen in sechs Bereichen kommunikativen Handelns auszubilden: mündliche Sprachproduktion (Sprechen), schriftliche Sprachproduktion (Schreiben), mündliches Textverstehen (Hören), schriftliches Textverstehen (Lesen), Sprachmittlung (mündlich/schriftlich), Hör-Seh-Verstehen. Alle Kompetenzbereiche sollen in Leistungsüberprüfungen vorkommen, natürlich nicht alle gleichzeitig.
Kompetenzbereiche im altsprachlichen Unterricht
Für uns stellt sich die Frage, welche der genannten Kompetenzbereiche im altsprachlichen Unterricht für den Bereich der Leistungsüberprüfung nutzbar gemacht werden können.
Dass im altsprachlichen Unterricht eine Vielzahl von Kompetenzen ausgebildet und trainiert werden, steht außer Frage. Brendel u.a. haben längst versucht, in Anlehnung an den GeR Teilkompetenzen und Kompetenzbereiche des altsprachlichen Unterrichts zu benennen und diese den GeR-typischen Kompetenzstufen zuzuweisen. Im ersten der drei Bände „Folia portabilia (S. 2) weisen die Verfasser so für Latein Kompetenzbereiche sui generis aus: 1. Wissen, 2. Vergleichen und Verstehen, 3. Produzieren. Für diese werden hinsichtlich verschiedener Ebenen (Wort, Form, Satz, Text, Welt der Römer) Teilkompetenzen ausgewiesen, abgestimmt auf die niedersächsischen Kerncurricula.2 Meines Erachtens ist statt Kompetenzbereiche der Terminus „Bereich altsprachlicher Handlungsfähigkeit treffender, da der Begriff Kompetenzbereich im niedersächsischen Kerncurriculum bereits besetzt ist und von den Verfassern der Portfolios selbst in der aus den Curricula bekannten Weise verwendet wird (z.B. Textkompetenz).
Den aus den Curricula bekannten Bereich Textkompetenz differenzieren die Verfasser so aus, dass nach dem 4. Lernjahr das Niveau des Kleinen Latinums erreicht ist (= B1), nach dem 5. Lernjahr das des Latinums (= B1+), nach dem 6. das des Großen Latinums (= B2) (Tabelle 2 ).
Nicht zufällig setzen die Verfasser des Portfolios im Bereich Textkompetenz an. Im Zentrum des altsprachlichen Unterrichts steht der Text in der Originalsprache. Die Curricula aller Bundesländer weisen daher – mit gewissen, auch terminologischen, Unterschieden – die Kompetenzbereiche Sprache, Text, Kultur, ggf. Methodik aus. Die gängige Praxis der Leistungsüberprüfung bildet die Vielfalt der geförderten Teilkompetenzen zumeist nicht ab,...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

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Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13