Ulf Jesper

Sprachförderung durch Differenzierung

Frau und Junge schauen auf einen offenen Block.
Was Schüler, die – etwa mit der Bildung des Passivs – Schwierigkeiten hatten, nach der Diagnose zunächst nicht benötigen, sind weitere Übungsaufgaben. Erst muss das Problem betrachtet und das Phänomen geklärt werden., Foto: © De Visu/stock.adobe.com

Ulf Jesper

Sprachförderung und Differenzierung müssen keine Zeitfresser sein. Mithilfe eines vierschrittigen Planungsmodells können im Unterrichtsalltag ohne großen Aufwand sprachfördernde Maßnahmen ergriffen werden, die den betroffenen Schülerinnen und Schülern gezielt helfen.

Zu den großen Herausforderungen eines Lateinunterrichts, der auf Sprachbildung Wert legt, gehört die Frage der praktischen Umsetzung. Selbst wenn wir um die Bedeutung der Sprachbildung wissen, bereitet es doch Mühe, sie zu organisieren.
Sprachbildender Unterricht müsste kontinuierlich erfolgen, am besten ständig. Wie viel Raum aber vermag ein Lateinunterricht, der nicht selten auf wenige Stunden reduziert ist, solch einem Vorhaben zu gewähren? Es besteht bei aller Wertschätzung der Sprachbildung die Gefahr, dass sich der Unterricht insgesamt verlangsamt und andere wichtige Ziele des Fachs nicht mehr erreicht werden. Zum Problem einer möglichen Überfrachtung des Unterrichts tritt ein weiteres hinzu. Soll Sprachbildung nachhaltig wirken, muss sie möglichst individuell ausgerichtet sein. Manch ein Thema ist gewiss für alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe relevant, in der Regel aber sind die Bedürfnisse doch verschieden. Diese Unterschiede wahrzunehmen und mit differenzierenden Maßnahmen darauf zu reagieren, ist notwendig, wenn an den Schülerinnen und Schülern nicht vorbeiunterrichtet werden soll. Der Aufwand, der betrieben werden muss, um Stärken und Schwächen der Einzelnen festzustellen, ist allerdings erheblich, die Entwicklung von Differenzierungsmaterialien, die für einen passgenauen Lernfortschritt sorgen sollen, verschlingt Vorbereitungszeit, die kaum zur Verfügung steht, und die Zusammenführung der divergierenden Wege, die für einige Zeit eingeschlagen werden, zu gemeinsamem Unterricht ist eine Kunst für sich. Wie so vieles Gute und gut Gemeinte steht auch das Ziel, den Lateinunterricht noch stärker als bisher sprachbildend zu gestalten, in der Gefahr die Lehrkräfte zu überfordern.
Damit die gute Idee der Sprachbildung nicht an den Problemen ihrer Umsetzung scheitert, soll im Folgenden ein Planungsmodell1 vorgestellt werden, das sich in der Praxis bereits bewährt hat. Es vermeidet die gerade skizzierten Probleme: Es lässt sich tagtäglich umsetzen, ohne den Unterricht ins Stocken zu bringen, beinhaltet ein wenig aufwendig gestaltetes, aber effizientes diagnostisches Element, benötigt kaum Zusatzmaterial und gewährleistet einen reibungslosen Übergang der Phasen. Trotz dieser Vorzüge ist das Modell kein Wundermittel, sondern eigentlich nur eine schlichte Kombination didaktischer Bausteine, die aus dem Regelunterricht bekannt sind. Vielleicht liegt darin seine Stärke.
Das Planungsmodell, um das es geht, lässt sich in vier Schritte gliedern:
1. Festlegung einer Übersetzungsaufgabe,
2. Festlegung eines Themas im Deutschen,
3. Planung einer Diagnose-Phase und
4. Planung von Differenzierungsmaßnahmen.
Festlegung einer Übersetzungsaufgabe
Der Ausgangspunkt einer sprachbildenden Maßnahme ist eine Aufgabe, wie sie im Lateinunterricht alltäglich vorkommt: Die Schülerinnen und Schüler sollen übersetzen. Für die geplante Maßnahme ist es unerheblich, ob es sich dabei um einen Lektionstext – wie im Beispiel in Abb. 1  – oder um Sätze einer Grammatikübung handelt. Die Übersetzungsaufgabe richtet sich außerdem unterschiedslos an alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe. Es wird also noch nicht differenziert.
Festlegung eines Themas
Dieser Schritt ist gegenüber der gewöhnlichen Planung einer Übersetzungsstunde neu und betrifft das Deutsche. Es geht darum, einen Aspekt der deutschen Sprache festzustellen, der den Schülern in ihrer Übersetzung begegnen wird und dem sie besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen sollen. In der Regel genügt es, als Lehrkraft bei der Unterrichtsplanung einen genauen Blick auf den zu übersetzenden Textabschnitt zu werfen, um ein relevantes Thema zu finden; als...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 6 / 2018

Sprachbildung und Sprachförderung

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13