Marina Keip

Konzeption von Hilfen und Einsatz des Wörterbuchs in Lateinklausuren

Schülerin blättert in einem Wörterbuch.
Wie sieht ein sinnvoller Einsatz des Wörterbuchs während der Klausur aus?, Foto: © PHENPHAYOM/Shutterstock.com

Marina Keip

Ziel einer Übersetzung ist vor allem die Überprüfung des Textverständnisses, das Wörterbuch ist dabei ein Hilfsmittel, kein Selbstzweck. Klausurtexte müssen dem Lehrer frühzeitig bekannt sein, damit der autorenbezogene Wortschatz und grammatische Erscheinungen im Unterricht systematisch erweitert werden können. Eine zentrale Aufgabe für den Lehrer ist dabei die Schwierigkeitsanalyse des Klausurtextes.

Die Recherchen zu diesem Artikel beginnen mit einem unfreiwilligen Selbstexperiment der Verfasserin: Text und Aufgaben der Klausur stehen fest. Mögliche Schwierigkeiten für Schüler erahnend gebe ich den Schülern noch den wohlgemeinten Rat, einige Dinge zu wiederholen, u.a. „ein paar Konnektoren wie ne, aut, simul, donec …“
Doch am selben Abend der Geistesblitz: Ich überprüfe bei Google, was man findet, wenn man nur diese vier Wörter eingibt. Tatsächlich – Treffer Nummer 1: Meine Textstelle!: Orpheus dreht sich um (Ovid, Met. 10,48ff.). Die Moral: Kurz vor der Klausur Vokabeln aus dem Klausurtext anzugeben, ist keine Lösung!
Exkurs: Google und Konsequenzen für die Wortschatzarbeit
Jeder Lateinlehrer hat sicher in seiner Studienzeit das Taschengeld mit Nachhilfestunden aufgebessert. Ein beliebter Sport war es immer zu erraten, welcher Text in der Klausur „drankommt. Diese Detektivarbeit war früher recht mühsam, setzte sie doch eine sehr gute Textkenntnis voraus. In Zeiten von Google ist diese Arbeit aber fast ein Kinderspiel geworden: Die Eingabe von nur drei bis vier Vokabeln, von denen zwei seltener vorkommen, führt häufig sehr schnell zum gesuchten Text. Die Eingabe von „animus cum maxime exire z.B. führt auf Seneca, Brief 61.
Will man das Fach Latein also nicht dem Ruf aussetzen, es sei mit detektivischen Fähigkeiten ganz leicht, eine gute Übersetzung in der Klausur anzufertigen, ist heute mehr denn je darauf zu achten, dass Schüler oder deren Nachhilfelehrer den Text nicht leicht finden können. Folgende Konsequenz ergibt sich für die klausurvorbereitende Wortschatzarbeit:
Im Unterricht werden regelmäßig text- und autorbezogen Vokabeln eines Grundwortschatzes mit selbst erstellten Vokabellisten oder mithilfe von Sachfeldern wiederholt. Dabei werden die klausurrelevanten Grundvokabeln integriert. Voraussetzung ist,
  • dass die Klausurtexte vor Beginn der Reihe vorliegen,
  • dass die im Vorfeld zu wiederholenden Vokabeln, die ausschließlich in der Klausur vorkommen nicht in den im Unterricht zu lesenden Texten , folgenden Bedingungen gehorchen:  Es dürfen keine selteneren Vokabeln oder Kombinationen sein wie ideo, cum maxime.  Die Vokabeln dürfen nicht einem Sachfeld angehören, das im laufenden Unterricht gar nicht vorkommt, wie columna und tectum aus der Cicero-Klausur. Sie sollten im Klausurtext nicht in der Lernform vorkommen, d.h. nicht im Infinitiv oder in einer Nominativ-affinen Form wie gradus, vetare, ambo im Ovid-Beispiel.
Selbstexperiment Fortsetzung
Die neue Klausur beginnt nun wie folgt (s. Tabelle 1 ). Während der Klausur beobachte ich die Schüler: Trotz der ausdrücklichen Aufforderung, das Wörterbuch erst möglichst spät zu verwenden, blättern die ersten bereits während meines Lesevortrags im Wörterbuch.
Die Korrektur der Klausur ist ernüchternd: Nach einem Jahr Lektüreerfahrung, davon drei Wochen Ovid-Lektüre, hatten die Schüler mit der poetischen Sprache große Probleme: „Der Nachbar hat die Bekanntschaft gemacht und den ersten Schritt, „die anfängliche Bekanntschaft mit der Nachbarin macht einen Schritt …“. Ein erneuter Fehler, den ich mir selbst zuschreibe: Zwar hatte ich notitia angegeben, aber nicht vicinia und keine Hilfe zur Modulation von fecit. Die Hilfe vicinia fecit „die Nachbarschaft/die Nähe bewirkte/führte zu hätte den Schülern hier sicher geholfen, den Text besser zu verstehen.
Es ergeben sich daraus drei Leitfragen:
  • Wie sieht ein sinnvoller Wörterbucheinsatz während der Klausur aus?
  • Wie werden Hilfen...
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aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

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