Peter Kuhlmann

Kompetenzorientierte Klassenarbeiten

Ausschnitt eines Cartoons: Eine Figur hängt an einer Klippe und ruft um Hilfe. Eine andere steht davor und fragt: "Meinst du damit, es würde dir helfen, wenn ich dich jetzt sofort hochziehe?" - Es geht ums Paraphrasieren.
Was genau bei einer Paraphrase verlangt wird, muss vor einer Klassenarbeit besprochen werden., Bild: ©izniak, www.maulwerk.wordpress.com

Peter Kuhlmann

Aufgabenformate und Bewertungskriterien

Beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen hat sich die Abkehr von der Übersetzung als einziger Überprüfungsform des Textverständnisses bewährt; als sachfremd oder zu leicht gelten die kompetenzorientierten Aufgaben nicht ein Vorbild für den Unterrichtsalltag? Welche Aufgabenformate sinnvoll sind und wie sie bepunktet werden können, wird hier in zwei Beispielen dargestellt.

Die Bildungsstandards, Kernlehrpläne und Kerncurricula für das Fach Latein formulieren vielfach Kompetenzen, die sich nicht nur auf die Rekodierung lateinischer Texte, sondern auch auf die Nutzung paratextueller Informationen („Textumgebung) und v.a. die Dekodierung im weitesten Sinne, d.h. die formale und inhaltliche Erschließung beziehen; zu nennen sind als Beispiele aus dem niedersächsischen Kerncurriculum:1 „Die Schülerinnen und Schüler
  • ziehen vorgegebene Informationsträger heran (Überschrift, Einleitungstext, Illustrationen),
  • formulieren ausgehend von den im Textumfeld gegebenen Informationen Fragen und Erwartungen zum Inhalt des Textes [],
  • entnehmen dem Text aufgabenbezogen Einzelinformationen zum Inhalt (z.B. Handlungsträger, Ort, Zeit),
  • entnehmen aufgabenbezogen komplexere Informationen zum Inhalt (Haupthandlung, Handlungsmotive, weitere Begleitumstände),
  • arbeiten aufgabenbezogen vorherrschende Textmerkmale heraus (z.B. Personalmorpheme, Sachfelder).
Es handelt sich um Kompetenzen, die – anders als die schriftlich formulierte Rekodierung – im Sinne von Lesestrategien für das spätere Berufsleben Lateinkundiger wichtig sind: Historiker, Theologen, Philosophen etc. müssen lateinische Texte in diesem Sinne global (sogenanntes skimming) oder punktuell (sogenanntes scanning) „dekodieren können, etwa wenn sie mit zweisprachigen Ausgaben arbeiten und sich aus lateinischen Quellen Informationen beschaffen sowie deren Inhalt erschließen; (fast) niemand muss im späteren Berufsleben lateinische Texte formalgrammatisch exakt ins Deutsche rekodieren.
Im Rahmen eines wirklich kompetenz- und praxisorientierten Unterrichts müssten diese Kompetenzen konsequenterweise in den Leistungsbeurteilungen hinreichend Berücksichtigung finden. Dies ist hingegen keineswegs immer der Fall: Im Gegenteil stoßen selbst bei den Mitgliedern der curricularen Kommissionen entsprechende Vorstöße gelegentlich auf Vorbehalte. Wenn die zur Erschließung eines Textes definierten Kompetenzen überhaupt in Leistungsbeurteilungen berücksichtigt werden dürfen, beträgt die Gewichtung etwa in Nordrhein-Westfalen höchstens ein Drittel, während die Rekodierung z.B. in Schleswig-Holstein mit mindestens 70% zu werten ist.2 In Nordrhein-Westfalen kann immerhin für die Sek. I eine Klassenarbeit im Schuljahr auch ohne Rekodierung durchgeführt werden, sodass dann nur die oben genannten Kompetenzen abzutesten sind.3
Maßgabe der EPA
Damit besteht in den Schulen ein Widerspruch zwischen den in den Curricula formulierten Kompetenzen und der Leistungsmessung, der beanstandet werden muss: Entweder man formuliert bestimmte Kompetenzen, die dann auch in den Prüfungen abzutesten sind, oder man verzichtet darauf. Zum anderen ergibt sich ein Widerspruch zu der Maßgabe, die sogar für die E(inheitlichen) P(rüfungsanforderungen für das) A(bitur) und die Abiturprüfungen gilt und auch entsprechend in Sek.-I-Curricula explizit formuliert ist, nämlich dass möglichst alle drei Anforderungsbereiche (AFB) gleichmäßig in der Leistungsbeurteilung zu berücksichtigen sind.4 In Niedersachsen muss laut Kerncurriculum die Klassenarbeit schwerpunktmäßig im AFB II liegen.5 Die Rekodierung wird nämlich im Allgemeinen zu Recht dem AFB III zugewiesen.6 Bei einer Gewichtung der Rekodierung von 70% kann hingegen nicht mehr von einer ausgewogenen Berücksichtigung aller drei Anforderungsbereiche gesprochen werden.7
Praxis des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen
Erstaunlich ist dieser Befund nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass beim...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 4 / 5

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Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Abitur & Prüfung Schuljahr 5-10
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Peter Kuhlmann