Wilfried Lingenberg

Kekse oder Vokabeln?

Blick ins Klassenzimmer durch eine offene Tür
Symbolbild: Tag der offenen Tür, Fotos: © svetlanaz/stock.adobe.com

Wilfried Lingenberg

Zum Tag der offenen Tür

Wie sieht der Latein-Stand beim Tag der offenen Tür oft aus und wie geht es besser? In diesem Artikel wird ein kurzer Blick auf Zielsetzung und Zielgruppe geworfen.

Vordergründig scheint die Zielsetzung des Auftritts beim Tag der offenen Tür – wie überhaupt bei jeder Informationsveranstaltung zur Sprachenwahl – klar: Möglichst viele Schüler für die alten Sprachen zu begeistern, die naturgemäß wie kein anderes Schulfach unter Rechtfertigungsdruck stehen. Also werden gerne Leckereien nach römischen Rezepten verteilt, antike Spiele gespielt und alles aufgefahren, womit man hofft, die Herzen der Viertklässler zu gewinnen. Doch wird diese Praxis noch den sich wandelnden Realitäten gerecht? Mittlerweile besucht weit mehr als die Hälfte eines Jahrgangs das Gymnasium oder eine andere zum Abitur führende Schulform. Hier auf Maximierung des Anteils der Lateinschüler hinzuarbeiten bedeutet nicht nur den Versuch, in großer Zahl Menschen zum Lateinlernen zu überreden, die diese Kenntnisse in ihrem späteren Leben nun wirklich nie wieder brauchen werden; man muß sich darüber hinaus auch eingestehen, dass längst nur noch ein Teil der Neuankömmlinge auf dem Gymnasium dem intellektuellen Anspruch, den der Altsprachenunterricht nicht aufgeben möchte und nicht aufgeben sollte, dauerhaft gewachsen ist. Konkreter und leider nicht unrealistisch formuliert: Wenn zwei Drittel einer Lerngruppe auch noch in der Mittelstufe grundsätzlich außerstande sind, zu erfassen, was ein Akkusativ ist, ist zwar durchaus noch sinnvoller Unterricht in Deutsch, Englisch oder Französisch möglich, aber eben nicht in Latein oder Griechisch.
Vor diesem Hintergrund sollte sich jede Werbung für die altsprachlichen Fächer statt größtmöglicher Breitenwirkung vielmehr die bestmögliche Passgenauigkeit zum Ziel setzen. Idealerweise würden genau die Schüler, die später dem realen Lateinunterricht folgen und ihm etwas abgewinnen können, durch den Tag der offenen Tür angesprochen, nicht jedoch diejenigen, die hinterher die Wahl der alten Sprache jahrelang und aus triftigem Grund verfluchen. Dazu ist erforderlich, den Abstand zwischen dem Auftritt bei der Informationsveranstaltung und der hinterher alltäglichen Unterrichtsrealität so weit wie möglich zu verringern.
Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung ist, statt römischer Süßigkeiten lieber die lateinische Sprache selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Praktikable Konzepte dafür wurden unabhängig an mehreren Stellen entwickelt; zwei Beispiele können wir hier in Praxisbeiträgen vorstellen: Marina Keip schickt die Viertklässler auf die Suche nach dem Römerjungen Marcus und leitet sie mit Hinweisen, die, obwohl auf Latein, unmittelbar verständlich sind; Simon Puschmann inszeniert eine Hogwarts-Unterrichtsstunde in „Verteidigung gegen die Dunklen Künste und geht dabei den lateinischen Ursprüngen der Harry-Potter-Zaubersprüche nach. An anderer Stelle hatte Wilfried Lingenberg eine kurze lateinische Theaterszene vorgeführt, die sich, von fortgeschrittenen Schülern in Szene gesetzt, Viertklässlern (und deren Eltern) ohne Vorkenntnisse erschließt.1
Und, ja: Leckere römische Kekse dürfen trotzdem auch noch gereicht werden.
Anmerkung
1 Lingenberg, W.: Eine kleine lateinische Spielszene für den Tag der offenen Tür, Forum Classicum 61, 2018, 107f., http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-fc-589985 (Stand: 18.06.2020).
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 5 / 2020

Jenseits des Alltags: Besondere Organisationsformen

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 4-5
  • Thema: Didaktik
  • Autor/in: Wilfried Lingenberg