Stefan Mayer

Zeitspuren

Stefan Mayer

Langzeitbelichtung im Werk des Fotografen Michael Wesely

Die rezeptive Auseinandersetzung mit einer Fotografie des Fotografen Michael Wesely sensibilisiert Schülerinnen und Schüler für das bildnerische Ausdrucksmittel der Langzeitbelichtung. Angeregt durch dieses künstlerische Vorbild, erkunden die Jugendlichen ihren eigenen Nahraum und finden Spuren der Vergangenheit.

Die Schülerinnen und Schüler können in materiellen Spuren von Objekten eigene Verdichtungen von Zeit ausmachen. Ein solches genaues Hinsehen lässt dabei gerade heimatliche Bezugspunkte entdecken, die ganz wesentlich durch Indizien menschlicher Nutzung erfahrbar werden.
Vom Bildinhalt zur Bildgenese
In der 8. Klasse eines Gymnasiums betrachten wir die Projektion einer Arbeit des Berliner Fotografen Michael Wesely (Abb.1 ). Die Schülerinnen und Schüler identifizieren Gebäude, Straßen und eine etwas unübersichtliche Baustelle.
Die schwarz-weiße Fotografie, von einem erhöhten Standpunkt aus aufgenommen, ermöglicht dem Betrachter einen weiten Blick über Berlin. Rasch stellt sich bei den Lernenden jedoch eine Verunsicherung ein, als es darum geht, die Bildgegenstände genauer zu beschreiben. Große Teile der Fotografie erscheinen nur undeutlich und lassen sich schwer erkennen.
Wie ist das Foto entstanden?
Die Schemenhaftigkeit der Darstellung führt das Gespräch der Klasse weg vom Bildinhalt zu der Frage, wie das Bild entstanden sein könnte. Es könne sich, so die ersten Vermutungen, um die digitale Manipulation einer Fotografie handeln. Das fotografische Abbild sei in einem Bildbearbeitungsprogramm übermalt, verwischt oder mit Filter bearbeitet worden. Oder wurden die Unschärfen etwa mit einer Kamerabewegung erzeugt?
Einige Schülerinnen und Schüler berichten von verschiedenen Apps, die mit diversen Filtern ähnliche Effekte erzeugen. Bei der Frage, ob sie mit Sicherheit sagen könnten, dass bei dem Bild Weselys mit vergleichbaren Filtern gearbeitet wurde, verneinen sie: „Irgendwie sieht es anders aus!.
Immer wieder entdecken die Jugendlichen scharfe Kanten an den Gebäuden und präzise Details in den Straßenzügen und schließen die Anwendung etwa von Verzerrungsfiltern aus. Die Lernenden kommen zu dem Ergebnis, dass der erhaben wirkende Blick auf den prominenten Berliner Platz nicht durch eine digitale Manipulation entstanden sein kann.
Weitere Fragen tauchen im Gespräch auf: Könnte es sich um eine digitale Collage handeln? Ist das Bild das Ergebnis einer vielleicht partiellen Überlagerung verschiedener Aufnahmen? Gehören etwa die Bildteile mit ähnlichen Helligkeitswerten zu unterschiedlichen Bildern? Gehört das sich von rechts in den Vordergrund schiebende, lichte Gebäude eigentlich in einen ganz anderen Kontext?
Rückkehr der Bildgegenstände
Auf der Suche nach Hinweisen für eine Bildcollage werden weitere Eigenschaften und Einzelheiten des Bildes entdeckt. Es lassen sich verschiedene Konsistenzen des Abgebildeten feststellen:
  • Weitere Gebäude in der Mitte des Hintergrunds haben ein ähnlich schemenhaftes Erscheinen wie das vordere.
  • Während links ein deutlich gezeichnetes, massives Bauwerk mit kleinen Fenstern in extremer Schärfe die Fotografie begrenzt, wirken die daran angrenzenden Bäume kompakt, aber weich.
  • Baukräne ragen an unzähligen Stellen des Bildes vertikal in den Himmel und stehen in ihrer undeutlichen Transparenz in starkem Kontrast zum Berliner Fernsehturm, der klar und deutlich abgebildet, wie eine Stecknadel, das Bild hält.
Immer mehr Details werden sichtbar: provisorische Absperrungen, Baugerüste, Kabel und Trapezbleche. Wenn es aber eine Collage wäre, wo sind dann die Dinge, die man für gewöhnlich in einem Großstadtporträt finden würde: Autos, Straßenbahnen und Menschen? Und was bedeuten die mit leichtem Schwung nach oben gesetzten, hellen Streifen, die sich in der rechten Hälfte über den Himmel ziehen?
Langzeitbelichtung
Der Titel des Bildes wird zu Rate gezogen: 27.3.1997 – 13.12.19...

Friedrich+ Kunst

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 431 / 432

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