Lars Zumbansen

Zwischen Referenz und Prinzip

Lars Zumbansen

Der Umgang mit Legenden in der Gegenwartskunst

Warum beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler des 21. Jahrhunderts (noch) mit Legenden oder kreieren gar selber welche? Vielleicht reizt das Uneindeutige, schwer Fassbare dieser Erzählgattung, die jede funktionale Trennung zwischen wahren und nur erfundenen Geschichten unterläuft. Dieser MATERIAL-Teil stellt zahlreiche Beispiele von Werken der Gegenwartskunst vor, die das Legenden-Thema aufgreifen.

Die Legende changiert stets zwischen Faktualität und Fiktionalität. So kann sie in einer globalen Informationsgesellschaft jenseits medialer Rubrizierungen (Dokumentation/Reportage vs. Spielfilm/Serie) modellhaft eine Reflexion über ästhetische Codes der Welt- und Wirklichkeitserzeugung in ihrer Wandelbarkeit anbahnen.
Auch die in diesem MATERIAL-Teil versammelten Beispiele aus der Gegenwartskunst loten jenseits ihrer konkreten Sujets auf je unterschiedliche Weise die stets unsichere „Realitätskonsistenz von legendenhaften Geschichten aus. Dazu nutzen die Kunstschaffenden entweder bestehende Legenden bzw. legendenhafte Motive als Referenzmaterial für ihre eigenen Arbeiten oder erschaffen sich legendäre Handlungsrahmen als Grundierung für ihre Werke komplett selbst. Die Legende wird in diesen Fällen zum Werkprinzip erhoben.
Damit wirken die Künstlerbeispiele in besonderer Weise modellbildend sowohl im Hinblick auf die kritische Durchdringung als auch für die eigene bildnerisch-praktische Produktion von narrativen Weltentwürfen durch Schülerinnen und Schüler.
Bildnerische Indikatoren für Glaubwürdigkeit
Im Zentrum dieses MATERIAL-Teils steht die Entwicklung eines kriterialen Orientierungsrahmens, der in Form einer Skala verschiedene bildnerische Indikatoren für Glaubwürdigkeit aufführt (s. Kasten ). Diese können ohne Anspruch auf Vollständigkeit den Schülerinnen und Schülern als Reflexionsanker dienen.
Einleitend sei auf eine Einschränkung hingewiesen. Die hier ausgebreitete Liste verzichtet bewusst auf die in der publizierten Kunstdidaktik popularisierten „Naturalismuskriterien nach Georg Schmidt (vgl. Hahne 2006, S. 38f.). Hintergrund ist u.a. die (zu) enge Bindung dieser Kriterien an illusionistische Malerei.
Wandelbare Marker für Glaubwürdigkeit
Durch unsere Mediensozialisation wandeln sich die Modalitätsmarker für Glaubwürdigkeit permanent. Eine bildlich verzerrte Schwarz-Weiß-Darstellung einer Person egal ob als Fotografie oder wie bei Robert Longo (M-2) transponiert in eine Zeichnung würde, anders als vor 50 Jahren, als Zitat einer authentischen Momentaufnahme wahrgenommen. Denn inzwischen haben wir durch mediale Sehgewohnheiten gespeist ein kulturelles Wissen der Existenz und Funktionsweise von Überwachungskameras im öffentlichen Raum.
Befragt man die hier vorgestellten Kunstbeispiele auf diese Kriterien, fällt auf, dass alle Werke in bestimmten Kategorien zwischen den Extrempositionen schwach und stark ausgeprägter Glaubwürdigkeitsindikatoren pendeln.
Historizität zwischen Erzeugung und Kompensation
Im Hinblick auf Historizität changiert Damien Hirst mit seiner Werkschau The Wreck of the Unbelivable zwischen den beiden Polen derselben Skala: von (zu) extensiv mit Seepocken und farbigen Flechten überzogenen Exponaten bis hin zu aseptisch-cleanen Reproduktionen. Er nutzt monumentale Dimensionalität und hochwertige Materialität (M-7).
Auch Robert Longo ist bestrebt, die geringe Wertigkeit seiner Kohlezeichnungen durch deren übergroße Dimensionierung in ihrer Faktizität zu steigern (M-2).
Hans Op de Beeck schafft ein überzeugendes kotextuelles Verweissystem aus Modellen und Exponaten, welche die Glaubwürdigkeit und Dichte der filmischen Inszenierung der Jungfernfahrt eines gigantischen Seekreuzers belegen. Ausgeblendet wird allerdings das Moment der Zeitlichkeit bzw. Historizität, wenn etwa das Kaffeeservice des Schiffes oder die ausgestellten lebensgroßen Wachsfiguren in ihren...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 445 / 446

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "Kunst und Unterricht" Fachwissen Schuljahr 7-13