Dietrich Grünewald

Textfreie Bildgeschichten

Dietrich Grünewald

Der MATERIAL-Teil versammelt eine Auswahl unterschiedlicher textfreier Bildgeschichten. Diese können als Unterrichtsmaterial zur Analyse wie als Anregung für die eigene praktische Arbeit dienen.

Der Umgang mit textfreien Bildgeschichten erlaubt in besonderem Maße, die narrative Funktion von Bildern anschaulich zu erleben und zu hinterfragen. Im eigentlichen Sinne sind Bilder ja nicht „narrativ (= lat. narrare), sie „erzählen und „berichten nicht, sondern sie zeigen. Der Betrachter wird zum Zeugen, doch erst bei aktiver Mitwirkung (Verlebendigung, Erweiterung der prägnanten Szene und Verknüpfung der Bildfolge zu einem Prozess) entsteht im Kopf eine Geschichte. Fantasie und kombinierendes, konstruierendes Mitspielen sind gefordert. So helfen diese Bildgeschichten auch, die Alltagshetze, die die Massenbild-Rezeption heute meist bestimmt, zu entschleunigen. Sie fordern ein achtsames, genaues Hinsehen und Deuten. Sie laden ein, das Gesehene zu kommunizieren. So können Schülerinnen und Schüler verbal wie schriftlich die erkannte Geschichte nacherzählen hilfreich auch für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen!
Umgekehrt kann die Umsetzung eines Geschehens oder eines gelesenen Textes als textfreie Bildfolge helfen, konzentriert das Prägnante zu erfassen und zu visualisieren. Der Umgang mit textfreien Bildgeschichten bietet die Chance, Bild-Kompetenzen auf hoch motivierende Weise zu intensivieren, die grundlegend und übertragbar sind.
Ziel des Materialangebots ist, Einblick in die Vielfalt der Erzähl- und Darstellungsweisen textfreier Bildgeschichten zu geben. Entsprechend führt die Gliederung von der Ein-Bildgeschichte und ihrer Variation, dem Simultanbild, zur tatsächlichen Bildfolge zunächst zur weiten, dann zur engen. Unterschiedliche Techniken (Malerei, Zeichnung, Drucktechnik, Fotografie) sind vertreten. Besonderheiten, die sich im Angebot textfreier Bildgeschichten finden, werden im vierten Teil exemplarisch aufgenommen: die Arbeit mit abstrakt-konkreten Zeichen, mit Piktogrammen, mit Sprech-/Denkblasen und deren visueller „Füllung. Die Möglichkeit, auch ohne Sprache visuell zu kommunizieren, wird dann an einem Beispiel noch einmal besonders aufgezeigt.
Je nach Zielgruppe, Intention und Beispiel sollten angemessene Methoden zur Analyse wie zur Produktion herangezogen werden. Dazu gehören:
  • die gezeigte Geschichte nacherzählen (verbal, schriftlich),
  • Körpersprache der Akteure in Worte fassen; vielleicht auch sinnvoll in andere Kontexte übertragen,
  • Rede/Gedanken der Akteure formulieren (Untertexte, Sprechblasen),
  • Geschichte nachspielen (als Theaterstück z.B. auch als Papiertheater),
  • Panelreihenfolge verändern, korrekte Folge legen und begründen,
  • Panel weglassen und (verbal, zeichnerisch) ergänzen bzw. die Geschichte weiterführen.
Aspekte, die besonders untersucht und bei der Eigengestaltung beachtet werden müssen, sind:
  • Akteure (Erscheinungsbild/Rolle, Körpersprache),
  • Handlungsort (Stimmung/Atmosphäre),
  • Korrespondenz von Stil, Gestaltungstechnik und Inhalt,
  • Dramaturgie (ideelle, enge, weite Bildfolge, Erzählweise, Perspektive).
M-1: Ein-Bildgeschichten
Auch ein einzelnes Bild kann eine Geschichte erzählen, sofern es genügend Hinweise gibt, das Geschehen davor wie danach ergänzend zu imaginieren.
Neben dem einphasigen Bild und seiner ideellen Bildfolge, gibt es auch Bilder, die ein weiteres Bild im Bild integrieren (s. Unterrichtsbeispiel Grünewald) oder als Simultanbild in einem Handlungsraum mehrere chronologisch aufeinander bezogene Szenen versammeln.
M-1A: Einphasige Bildgeschichte
Als Spezialität des Münchner Künstlers Carl Spitzweg gilt das ironische wie idyllische Pointenbild. Im hier ausgesuchten Beispiel erzählt er eine Liebesgeschichte, die sich erschließt, wenn man das Bild wie einen „Tatort nach Indizien befragt und diese kausal zusammenführt.
Den Lernenden sollte das Bild zunächst ohne Bildtitel präsentiert werden. Im...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

Textfreie Bildgeschichten

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "Kunst und Unterricht" Fachwissen Schuljahr 5-13