Stefan Mayer

Gips im Werk von Iris Häussler

Stefan Mayer

Inszenierung und kunstferne Sphären

Die Bildhauerin Iris Häussler begann ihre Karriere in den 1990er-Jahren in Wien, Mailand und München. Aktuell werden ihre Arbeiten in Paris, Toronto und Sao Paulo ausgestellt. In ihren Werken setzt sie sich mit dem Aufbrechen von Rezeptionsgewohnheiten auseinander.

Am Bodensee geboren, lebt und arbeitet Iris Häussler seit 2001 in Toronto und gehört mittlerweile zu den führenden kanadischen Künstlerinnen.
Auf den ersten Blick findet der Betrachter in ihrem Werk Arrangements von Skulpturen, Zeichnungen, Gemälde, aber auch Spurensammlungen und Hinweise auf performative sowie partizipative Elemente. Für ihre konzeptuellen Arbeiten verwendet Häussler traditionell anmutende Bilder, Skulpturen, Artefakte und alltägliche Gegenstände, die sie in Museen, Privatwohnungen oder Hotelzimmern arrangiert. Mit fiktiven Hinterlassenschaften charakterisiert sie so den Kosmos manisch arbeitender, zurückgezogen lebender Menschen.
Ihre auf Partizipation angelegten Installationen provozieren ein Infragestellen grundsätzlicher Bedingungen von Kunst und ihrer Rezeptionsroutinen. Damit birgt das Werk von Iris Häussler ein breit gefächertes didaktisches Potenzial.
Perspektiven erfundener Wirklichkeit
Das 2006 entstandene Werk Wagenbach Legacy (M1A u. M1B ) (s. a. Cover) bietet sich an für eine didaktische Auseinandersetzung mit traditionellem und gleichzeitig explorativem Umgang mit dem Material. Teils auf eine klassische Art und Weise verwendet und so mit einer langen Tradition verbunden , wird das Material auf unvorhersehbare Weise Teil eines Experiments und völlig widersprüchlich eingesetzt. Mit dieser Vorgehensweise unterstreicht die Künstlerin die Zerrissenheit ihrer inszenierten Figur.
Iris Häussler tritt hier sowohl als Autorin des Konzepts als auch als Gestalterin der visuell und vor allem taktil erfahrbaren Oberfläche ihres Spiels auf und thematisiert somit die Rolle des Künstlers.
Subversive Strategien
Die Kunsthistorikerin Martina Fuchs beschreibt ihren Eindruck, als sie in eine kleine Wohnung im Münchner Glockenbachviertel eintritt, als befremdend privat und schildert die Räume voller Gipsformen und Eimer mit Gipsresten (Fuchs 2001, S. 9). Diese Gipswerkstatt (Monopati 1999) gehört so scheint es einer Frau, die angeblich wie manisch Kinderhände und -füße abformt und eine quasi bildhauerische Position bezieht. Häussler nimmt als Künstlerin eine distanzierte Haltung zu diesem fremden Werk und anderen ähnlich inszenierten Hinterlassenschaften ein (Fuchs 2001, S. 12).
Eine ähnliche Vermengung von Privatheit und Öffentlichkeit gelingt Häusler in der 1995 realisierten Arbeit Piggyback. In einem Leipziger Hotel der gehobenen Klasse wurden eintreffende Gäste an der Rezeption informiert, dass anstatt eines Einzelzimmers nur noch ein Doppelzimmer zur Verfügung stehe. Allerdings sei dieses bereits von einer weiteren Person belegt. Hier wiesen Alltagsgegenstände, ein offener Koffer, eine aktuelle Tageszeitung, und benutzte Handtücher auf die Anwesenheit eines weiteren Gastes hin.
In einer sehr frühen Arbeit (ou topos eine synthetische Erinnerung, 1988/89) hatte die Künstlerin eine Wiener Vorstadtwohnung mit Regalen voller bleiummantelter Blechdosen gefüllt für sie eine logische Reaktion auf den wenige Jahre vorher statt gefundenen Atomunfall in Tschernobyl. Mit einem Geigerzähler ausgerüstet, hatte sie im April 1986, an den Tagen des erwarteten radioaktiven Niederschlags, in ihrer damaligen Heimat München die vor der Öffentlichkeit verschwiegene radioaktive Belastung selbst gemessen. Drei Jahre später bargen ein Bett und etwas Werkzeug die Spuren eines Alltags inmitten von Bergen von Bleiblech und einer schier unüberschaubare Menge eingewickelter Konserven.
Die verschiedenen Stadien von An- oder Abwesenheit bieten in unterschiedlichen didaktischen Szenarien eine Grundlage für den Unterricht. Das Erzeugen und Inszenieren schafft Präsenz...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 421 / 422

Arbeiten mit Gips

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