Johanna Adam

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Johanna Adam

Performance als Kunst der Stunde?

Nicht neu, aber hochaktuell: Das Phänomen der Zeit heißt Performance. Das klassische Format der musealen Ausstellung befindet sich in einem maßgeblichen Prozess der Veränderung, der die Institutionen vor neue Herausforderungen stellt. Dabei ist der performative Ansatz in der Kunst keineswegs neu.

Die begehrtesten Preise der Kunstwelt, etwa der Goldene Löwe der Venedig-Biennale oder der Preis der Nationalgalerie, gehen in jüngster Zeit immer häufiger an Künstlerinnen und Künstler, die sich performativer und partizipativer Strategien bedienen.
Performance-Kunst seit den 1960er-Jahren
Ab den 1960er-Jahren nimmt die Performance-Kunst einen festen Platz im Feld der Nachkriegsmoderne ein, das vielfältige neue Medien, Kunstformen und künstlerische Praktiken hervorbringt. Performative Strategien finden ihre unterschiedlichsten Ausprägungen in Aktionen im öffentlichen wie auch im musealen Raum und in der Film- und Videokunst. Im intermedialen Bereich verschmelzen verschiedene Kunstformen wie Tanz, Musik und Literatur mit der bildenden Kunst.
Politische und gesellschaftliche Aspekte
Neben dieser eher form- und medienspezifischen Betrachtung des Phänomens spielen im Hinblick auf die Entwicklung performativer Praktiken der bildenden Kunst insbesondere politische und gesellschaftliche Aspekte eine Rolle.
In einem gesellschaftspolitischen Klima weitreichender Bestrebungen zur Demokratisierung und Emanzipation durch Bürgerrechtsbewegungen, Feminismus, den Kampf gegen überkommene gesellschaftliche Konventionen, sexuelle Tabus und damit verbundene Diskriminierungen verbindet sich auch in der Kunst freiheitliches Denken mit freiheitlichem Handeln. Dies lässt sich auf die Inhalte wie auch auf die Form beziehen und zeigt sich in der Performance-Kunst in besonderer Weise.
Kunst und Leben
Der Werkbegriff verändert sich vom objekt- zu einem handlungsbezogenen Verständnis: Kunst und Leben bzw. Künstler und Werk werden in ein kongruentes Verhältnis gesetzt.
Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneeman, Marina Abramović, Gina Pane, Yoko Ono oder Ulrike Rosenbach wurden zu Pionierinnen der Performance-Kunst. Den eigenen Körper einzusetzen, um auf Aspekte wie Objektifizierung der Frau, sexuelle Gewalt, stereotype Weiblichkeitsbilder und die Vormachtstellung des Mannes auch des männlichen Künstlers hinzudeuten, wurde zu einer richtungsweisenden Strategie.
Künstlerische und gesellschaftliche Aktion gingen hier Hand in Hand. Künstlerinnen, vornehmlich in den USA und Europa, organisierten sich in Gemeinschaften, übten Proteste gegen patriarchale Strukturen im Kunstbetrieb, gründeten eigene Medien und richteten eigene Ausstellungen aus.
Um sich aus der Passivität und Unsichtbarkeit zu befreien, bot die Performance-Kunst effektive Möglichkeiten, welche die Protagonistinnen auf teils radikale Weise zu nutzen wussten:
  • Yoko Ono ließ sich in ihrem Cut Piece 1964 von Besucherinnen und Besuchern mit einer großen Schere die Kleidung vom Leib schneiden. Nach und nach wurde sie auf diese Weise entkleidet und machte damit auch auf den traditionellen Stellenwert des weiblichen Körpers in der bildenden Kunst aufmerksam, der sich lange Zeit maßgeblich auf die Rolle des nackten Modells, bestenfalls der Muse, beschränkte.
  • Zehn Jahre später, im Jahr 1974, geht Marina Abramović noch einen Schritt weiter und setzt sich dem Publikum auf noch extremere, riskantere Weise aus. In Rhythm 0 steht die Künstlerin reglos im Galerieraum, neben ihr auf einem Tisch 72 Gegenstände platziert, die das Publikum frei nutzen kann, um Handlungen an ihr zu vorzunehmen. Unter den Gegenständen befindet sich auch ein Revolver, daneben liegt eine Kugel. Als die Situation so gefährlich wird, dass ein Besucher die Waffe lädt und auf die Künstlerin richtet, die ihrerseits nicht darauf reagiert, bricht ihr Galerist die Aktion ab.
Perfomative Strategien heute
Ein Blick auf den aktuellen...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

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