Hubert Sowa

„Sieh es!“

Hubert Sowa

Der große Bildroman von Alexander Roob*

Der deutsche Künstler und Kunsttheoretiker Alexander Roob ist vor allem für seinen riesigen Bildroman CS (seit 1985) bekannt. In diesem Beitrag wird die Arbeitsweise Roobs anhand von Beispielen anschaulich beschrieben.

Roob, ein „besinnungsloser Vielzeichner (Ackermann 1998), zeichnet meist mit Kreide auf Blättern im DIN-A4-Format in endlosen Bildfolgen, die gleichsam seinen lebenslangen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstrom in Bilder fassen. Nicht nur das meist sehr schnell gezeichnete Einzelblatt fesselt die Aufmerksamkeit des Betrachters; interessant sind vor allem die Übergänge der Bildfolge.
Sehr oft zeichnet Roob stehend oder sogar im Gehen auf einem Zeichenbrett, das vor seinem Bauch hängt. Jede Verschiebung des Wahrnehmungswinkels, jedes Ereignis im Gesichtsfeld wird wie in einer endlos fließenden Reportage aufgezeichnet.
Den Titel des Bildromans „CS hat Roob wiederholt so erklärt, dass die beiden Buchstaben, englisch gelesen, die deutschen Worte „Sieh es ergeben.
Der Bildroman CS
Der Bildroman handelt vom sich bewegenden und um sich blickenden Körper des Zeichners in einer sich bewegenden und sich verändernden sichtbaren Welt.
Roob blickt in seinem Wohnraum umher, blickt aus dem Fenster auf die Straße, bewegt sich auf der Straße, geht in andere Räume, beobachtet arbeitende Menschen in Werkstätten, Büros und Industriebetrieben, Laboren, Schlachthäusern, Museumsarchiven, Zeichensälen usw. Es entsteht eine Reportage von Ereignissen, deren Bedeutung oft verschwindend klein zu sein scheint, die aber dennoch „Partikel einer beweglichen, veränderbaren, vielperspektivischen und unendlichen Welt sind.
Roob beruft sich zur Begründung seiner Theorie des Bildromans auf Künstler wie Wilhelm Busch oder William Blake, auf Philosophen wie Ernst Mach, William James, Henri Bergson und A.N. Whitehead sowie auf Dichter wie James Joyce. Es sind die Denker und Dichter der Kontinuität, des Bewusstseinsstromes, der unendlichen Relativität, des metamorphotisch bewegten Universums singulärer Ereignisse (vgl. Roob 1997).
Wechsel der Perspektive
Zu seinem Bildroman CS-I-III zitiert Roob in einer Anmerkung eine Bildgeschichte eines Cartoonisten. Die visuelle Logik dieser kurzen Bildfolge ist leicht zu verstehen: Aus den Augen eines Nashorns sieht man einen Jäger, der vom Nashorn verfolgt und angegriffen wird. Die zunächst kryptische Handlungsfolge entschlüsselt sich im dritten Bild, das aus der Außenansicht die Verfolgungsjagd zeigt. Die Schlüsselstelle ist das zweite Bild, das zwar den Jäger nicht zeigt, jedoch den Schluss nahelegt, dass nun das Nashorn mithilfe seines Horns den Jäger der es mit seinem Gewehr anvisiert seinerseits nun so anvisiert, dass er als das Ziel hinter dem Horn verdeckt ist. Damit erfolgt eine Umkehrung der Jagdszene, denn im ersten Bild sieht man aus der Perspektive des Nashorns, wie der Jäger mit seinem Gewehr auf das Tier zielt.
Entscheidend für das Konzept dieser Bildfolge ist der Wechsel der Perspektiven, verursacht durch die Kopfdrehung des Nashorns. Verständlich ist die Bildfolge nicht vom Einzelbild her, sondern nur vom Zusammenhang der drei Bilder. Dieser folgt dem klassischen Erzählschema: Ausgangssituation Spannungsklimax Auflösung.
Damit enthält dieses kleine Beispiel das ganze Prinzip des Bildroman-Denkens von Alexander Roob: Es geht um den Fluss der Wahrnehmungen, den Zusammenhang dieser Wahrnehmungen in der Zeit und die ständigen Übergänge zwischen Blickperspektiven. Doch Roob folgt keinem Erzählschema, sondern setzt den Fluss der Veränderungen als ein absolutes Prinzip ein: ohne Anfang, ohne Mitte, ohne Schluss.
Schon in CS-V schrieb Roob im Vorwort: „Der Bildroman CS umfasst mittlerweile (d.h. bis 1995, HS) 67 Bände mit ca. 10000 einzelnen Arbeiten: meist Zeichnungen mit Blei- oder Kohlestift, aber auch Fundstücke und Fotokopien; alle in der Größe DIN-A4. (CS-V, S. 5) 1999 waren es...
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aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

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