Werner Stehr

Jan Fabre: Durch Zuhören begreifen

Werner Stehr

Gegenwärtig sind einige bereits in den Neunzigerjahren entstandene Werke des in Antwerpen lebenden Allroundkünstlers Jan Fabre (*1932) im Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen zu sehen. Zu dieser Auswahl zählt auch eines seiner Handobjekte mit dem englischen Titel „Listen (Abb. 1 ), das in seiner Größe etwa einer normalen, greifenden Hand entspricht.

Handwerklich perfekt die Wirklichkeit imitierend, ist das Kunstwerk aus rosafarbenem Wachs und einem Glas mit blauer Kugelschreibertinte „handgefertigt, wie der Künstler Jan Fabre versichert. Aufgrund der seriellen Fertigung lässt es sich als „Multiple (engl.) bezeichnen; einerseits, weil es aufgrund der Reproduktionen kein Unikat mehr ist und andererseits in seiner stofflichen Ausführung exakt mit jenen weiteren 20 Exemplaren identisch ist, die bereits 1992 auf der documenta IX an verschiedenen Ausstellungsorten auftauchten. Das damalige wie heutige Rätselraten von Kritikern und Publikum entsprach dabei in geradezu idealer Weise den Absichten des Künstlers.
Jan Fabre ist ein anerkannter Künstler der Gegenwart, der nicht nur dem Königreich Belgien als kreatives Aushängeschild dient, sondern auch in der internationalen Kunstszene einen beachtlichen Stellenwert genießt. Dabei ist er nicht nur als Zeichner und Bildhauer aktiv, sondern auch als Autor, Theaterregisseur, Dramatiker, Filmer sowie Choreograf, Kurator, Performer oder Bühnenbildner. Einige seiner Werke lieferten immer wieder Anlass für heftige Skandale, entrüstete Tweets oder üble Shitstorms, wie 2011 anlässlich der provokant umgestalteten „Pieta Michelangelos auf der 54. Biennale in Venedig. Empörung rief auch eine Installation aus ausgestopften Haustieren hervor, die auf Haken zwischen bunten Bändern hingen und in der Eremitage St. Petersburg gezeigt wurden. Kunstfreunde dagegen feiern ihn begeistert als universales Ausnahmetalent, dessen Liste von Ausstellungen, Beteiligungen, Interviews, Filmen und Inszenierungen endlos lang ist. Mancher Beifall erscheint überzogen: „In Sachen Vielseitigkeit übertrifft er damit wohl sogar den anderen berühmten Antwerpener Künstler, Peter Paul Rubens. Würde man auf einer Visitenkarte alle Funktionen Jan Fabres aufzählen, der Platz würde nicht reichen. (flandern-blog)
Die Hand als anatomisches Wunderwerk
Mit allgemeinen Überlegungen zur menschlichen Hand, um die man im Rahmen unserer Betrachtung nicht herum kommt, betreten wir ein sehr weites Feld, das sich nur mit Hilfe verschiedener Wissenschaften beschreiten lässt. Dazu gehört die komplizierte Anatomie, Medizin oder Mechanik der menschlichen Hand ebenso wie ihre große kulturgeschicht-liche, philosophische oder psychologische Bedeutung für unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Sie ist ein geniales Wunderwerk an Präzision und Empfindsamkeit, an Kraft und Sanftheit, an gestischer Ausdrucksfähigkeit und hirnabhängiger Steuerung, weshalb sie in der Kunst- und Kulturgeschichte eine herausragende Rolle spielt. Zu ihrem hohen individuellen Wert gehört aber auch die in einigen Staaten der Welt noch heute übliche Gerichtsbarkeit, als sog. „spiegelnde Strafe, Meineidigen oder Dieben die Hand zu amputierten. Wir ersparen uns, im Kontext von Fabres Wachshand die symbolischen oder religiösen Bezüge von Händen in Dürers berühmten Handzeichnungen oder Michelangelos Erschaffung Adams zu zitieren. Hingewiesen sei zumindest aber auch auf den zentralen Stellenwert des Greifens fürs Handwerk, für die Künste (zum Beispiel beim Musizieren) oder für das angewandte Industriedesign, u.a. für die Robotik. Nur soviel: Jan Fabre greift mit seiner Imitation auf ein enorm bedeutungsbeladenes Körperglied zurück.
Die Bedeutung der Hand liegt nicht auf der Hand
Was wir intuitiv mit dem Blick auf Jan Fabres Wachshand, die ein tiefblaues Tintenglas „motorisch umgreift (Aicher, S. 6), assoziativ verbinden, bleibt zunächst gänzlich der individuellen Sichtweise des Rezipienten überlassen....

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 56 / 2019

Hände

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 5-10