Werner Stehr

Ines Doujak: „Siegesgärten“– Wem gehört die Natur?

Ines Doujak: Siegesgärten, 2007, Beet mit Pflanzen auf Stelzen (1628×102×122cm), 69 Samentüten
Ines Doujak: Siegesgärten, 2007, Beet mit Pflanzen auf Stelzen (1628×102×122cm), 69 Samentüten , ©–picture-alliance–/–Sven Simon | Malte Ossowski/SVEN SIMON

Werner Stehr

Im temporär errichteten Pavillon der 13. documenta (2007) inmitten des zum Verweilen einladenden Aueparks präsentierte die Wiener Künstlerin Ines Doujak ein 16 Meter langes Grasbeet, das von allen Seiten frei zugänglich war (Abb. 1). Ihre Installation, die durch unzählige weiße Stützen aus Haselnussholz zu schweben schien, war in Brusthöhe der Besucher mit 42 bunten Samentütchen bespickt etwa so, wie Kleingärtner ihre Saatreihen akkurat mit entsprechenden Packungen markieren, um später zu wissen, welche Keimlinge dort aufgehen.

Auf den ersten Blick glaubte man, die im frischen Graswuchs verteilten Tütchen aus Gartenmärkten zu kennen, doch ein nur flüchtiger Blick täuschte. Der österreichischen Konzeptkünstlerin ging es nämlich bei ihrer Formerfindung und Adaption von Alltäglichem überhaupt nicht um Säen oder Ernten: Die umgestalteten Verpackungen informierten anstatt über Saatkörner beispielsweise über Saatmonopole, global eingesetzte Gentechnik, Pflanzengifte oder die zerstörerischen Folgen des Landraubs. „Ihr Engagement gegen die fortschreitende globale Monokulturisierung hat Ines Doujak in provokant-poetische Bilder gefasst: Da posieren sexualisierte Frauen, Männer und Tiere vor exotischen Naturszenerien, da gibt es von floral-ornamentalen Stickereimustern gerahmte „verqueerte Sexualität und fetischistische Sexpraktiken. Will sagen: Diese ästhetische wie ethische „Vielfalt des Lebens wird angesichts der globalen Biopiraterie zu einem Faktor der ökonomischen Wertschöpfung und somit langfristig in ihren lokalen/individuellen Ausprägungen zerstört. (Kunstforum 2007, S. 367)
Zum Spiel mit Sehgewohnheiten
Manches auf den Rückseiten der leicht vergrößerten Tütchen liest sich stellenweise wie ein Krimi. Fotos, Collagen, Headlines und alarmierende Texte berichten über die lebensfeindliche Kommerzialisierung unserer Pflanzenwelt, ökologische oder landwirtschaftlich-ökonomische Entgleisungen, Ungerechtigkeiten oder Rechtsbrüche. Dabei spielt Ines Doujak (*1959 in Klagenfurt), ausgebildet und diplomiert an der Wiener Universität für angewandte Kunst, mit unseren Sehgewohnheiten und prangert gleichzeitig ökologische Missstände an. Am Beispiel ihres „Naturlabors lässt sich aufzeigen, mit welchen ikonografischen und sprachlichen Mitteln oder punktgenauer, mit welchen „rationalen Argumenten“ – sie als politisch engagierte Gegenwartskünstlerin operiert, um bestimmte Gedankengänge der Betrachter in Bewegung zu bringen. Dazu wählt sie herkömmliche Praktiken des Herstellens, Installierens, Montierens oder Collagierens. Sie vermittelt Denkanstöße durch unerwartete Kombinationen, die die mitunter obszön erscheinenden Einzelbilder einer harmlos-bigotten Nacktheit und Sexualität mit den herausgestellten Perversionen von Biopiraterie, Pflanzengiften in Nahrungsmitteln oder unkontrollierten Genmanipulationen in eine äußerst spannungsreiche Beziehung setzen. Jede einzelne Samentüte erzählt eine Geschichte davon, wie Erzeugern aufgezwungene Monokulturen, DNA-Diebstahl, die Ausbeutung der Weltmeere oder die Zerstörung der Biodiversität durch raffiniert ausgeklügelte Rechtskonstrukte (Patente, lobbyistische Gesetze, Eigentumsrechte etc.) funktionieren. Und all dies geschieht stets ohne Zustimmung oder finanzielle Entschädigung der jeweils Betroffenen. Doujaks Arbeit erweist sich im Pendeln zwischen ihrer aufklärerischen Funktion und unserer daran beteiligten „imperialen Lebensweise (Brand/Wissen 2007) auf Kosten schwach entwickelter Länder als hochaktuell.
In „Siegesgärten geht es der Künstlerin um wirkungsvolle Erkenntnisprozesse, die sich aus dem vermeintlich Harmlosen entfalten sollen. In ihrem „schönen Beet gedeiht zwar „eine kleine Naturlandschaft, doch beim Sondieren der vermeintlichen „Schrebergartenidylle (Katalog 2007) wird erschreckend klar: Es sind nicht die subjektiven, angenehmen Befindlichkeiten, auf die unsere Sinne gelenkt werden, sondern ohne pathetische Umschweife werden...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 60 / 2020

Naturlabor

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 5-10