Werner Stehr

Nikos Alexiou: „The End“ – ein digitales Ornament

Werner Stehr

Im Eingangsbereich des klassizistischen Fridericianum, zentrales Gebäude der Documenta 14, begegneten die Besucher einer nicht zu übersehenden, digitalen Animation des früh verstorbenen griechischen Künstlers Nikos Alexiou (1960 – 2011). Unübersehbar deshalb, weil die farbreiche und sehr bildmächtig auf den Steinboden projizierte Ornamentik jeden Passanten aufforderte, dem flimmernden Konglomerat aus fortwährend wechselnden geometrischen Grundfiguren Aufmerksamkeit zu widmen. An dieser magisch leuchtenden „Ekstase einer kleinen psychedelischen Welt, wie die griechische Kunsthistorikerin Vassilika Sarilaki schwärmte, kam niemand vorbei.

„The End (Abb. 1 ), übersetzt als „das Endlose, zeigt unzählige Verwandtschaften zu schmückenden Ornamenten in der Kultur- und Kunstgeschichte bis hin zu den zahlreichen digitalen Bildgenerierungen der Gegenwartskunst. Die ohne Soundtrack mit sieben lichtstarken Bea- mern programmierte Bodenprojektion wird erzeugt durch eine Matrix, die die Farb- und Formkombinationen der passierenden Mosaikdetails immer wieder neu generiert. „Die sich beständig in Drehung befindlichen geometrischen Grundformen stellen dabei einen Versuch () dar, in dem harmonische Ordnungen mittels digitaler Handarbeit untersucht werden.“ (d14-Link)
Um die komplizierte Animation von dem Werk „The End überhaupt zu erfassen, könnte auf ähnliche visuelle Phänomene eines sich drehenden Kaleidoskops verwiesen werden, dessen überraschend schöne Reflexionsbilder schon die alten Griechen faszinierten. Bei allen Unsicherheiten solch eines Bild-Bild-Vergleichs zeigt die Bodenprojektion ebenfalls jene kristallinen, ästhetischen Zufälle, die wie beim Kaleidoskop durch das einfallende Licht und mannigfach gebrochene Spiegelungen bunter Glassplitter hervorgerufen werden.
Kunstgeschichte als Inspiration
Das emotionale Erleben dieser Videoarbeit voller farbiger, in den Raum fließender Motive, die sich als komplizierte Labyrinthe mit einer Überfülle digitaler Informa- tion zudem ständig verwandeln, führt nicht automatisch zum Verständnis des Werkes. Um seine verführerische Substanz zu erkennen, gilt es, den Werkhintergrund zu beleuchten.
Die posthum für die documenta 14 erneut realisierte Kunstschöpfung Alexious ist durch ein aus dem 11. Jahrhundert stammendes marmornes Bodenmosaik des Klosters Iviron inspiriert, das an der Ostküste des Berges Athos in Griechenland liegt. Seit Alexious erstem Besuch des byzantinischen Klosters im Jahr 1995 „widmet sich der Künstler einer Praxis des akribischen und obsessiven Kopierens, Wiederholens, Übersetzens und Neugestaltens der Wirbel dieses Marmorbodens mit () digitalen Medien, was schließlich zu seiner großangelegten modularen Videoinstallation () führte. (d14-Link)
Ganz unmittelbar nutzte Alexiou für seine am Computer programmierte Übersetzung dabei die Spezifika des Ornaments Serialität, Ordnung, Flächenorganisation, Rhythmik und Dynamik , da sie sich in vortrefflicher Weise dazu eignen, codierte ästhetische Botschaften zu vermitteln. Denn indirekt bezog er sich mit seinem transferierten byzantinischen Bodenmosaik auch auf das islamische Bilderverbot, das eine ikonografische Präsenz des Göttlichen ablehnt, und stattdessen eine Perfektion ornamentalen Schmucks entwickelte.
Ob in den Bildenden Künsten, dem Handwerk, der Architektur oder der Landschaftsgestaltung, Ornamente sind immer mehr gewesen als lediglich nur dekorative Oberflächen. Mit ihren abstrakten Mustern erinnert die Projektion von Nikos Alexious Werk „The End neben dem zitierten, griechischen Iviron-Mosaik auch an viele weitere Ornamente, Arabesken und Muster aus Byzanz, die farbigen Einlegearbeiten römischer Kosmatenböden oder aber auch an die vielfältige Musterwelt orientalischer Kulturen. Die geradezu überwältigende Ornamentik von Decken, Wandkeramik oder Böden der maurischen Alhambra mag als bedeutendes Beispiel dafür dienen, wie sich über das Bilderverbot des Islam eine...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 57 / 2019

Ornament

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 5-10