Johanna Adam

Die Fledermausfrage

Johanna Adam

Der künstlerische Blick auf das Verhältnis von Mensch und Tier: Joseph Beuys und Douglas Gordon

Von den Anfängen den frühen Höhlenmalereien bis hinein in die Gegenwart hat sich die Kunst immer wieder dem Tier gewidmet. In den Werken von Joseph Beuys und Douglas Gordon tritt das Tier aus der Passivität des künstlerischen Motivs heraus und wird zum Protagonisten, verliert aber die ihm zugeschriebene Rolle als Objekt nie vollständig. Wie hat sich unser gesellschaftlicher Diskurs über das Verhältnis von Mensch und Tier geformt, und wie spiegeln sich seine Implikationen in der Kunst?

Zu Beginn steht eine Frage, die unbeantwortet bleiben wird: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Der serbisch-amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat sie 1974 im Zusammenhang mit seinen Überlegungen zum Bewusstsein gestellt und ihre Unlösbarkeit durch unseren Mangel an gemeinsamer Erlebnisperspektive mit einer Fledermaus erklärt.
Egal, wie viel wir über das Gehirn und den Bewegungsapparat des Wesens wissen, über sein neuronales System, seine Fähigkeit per Ultraschall zu navigieren wir werden dadurch nicht erfahren, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Es wird auch nicht helfen, sich vorzustellen, dass man Flughäute an den Armen hätte, dass man während des Fliegens mit dem Mund Insekten finge und dass man sein schwaches Sehvermögen durch ein Echolot kompensierte, während man seine Tage kopfüber hängend in Dachkammern verbrächte. All dies führe lediglich zu einer Imagination dessen, wie es für uns wäre, eine Fledermaus zu sein. Die Frage aber, die Nagel ins Zentrum seines gedanklichen Experiments stellt, ist Folgende: Wie fühlt es sich für eine Fledermaus an, eine Fledermaus zu sein?
Subjektive Erfahrungshorizonte
Nagel macht mit dieser Überlegung auf ein grundsätzliches Defizit aufmerksam, das in der Philosophie bekannt, aber ungelöst ist. Die sogenannte „explanatorische Lücke verweist auf das Unvermögen, Bewusstseinszustände und Empfindungen, die sogenannten „Qualia, objektiv zu beschreiben, da sie auf dem subjektiven Erfahrungshorizont des Einzelnen beruhen. Sich einer objektivierbaren Darstellung anzunähern, Gesetzmäßigkeiten abzulesen und die Beobachtungen zu einer Theorie des Bewusstseins zu formulieren, kann jedoch noch nicht als einfacher, schon gar nicht als abgeschlossener Prozess betrachtet werden. Der Erfolg der Philosophie besteht zunächst darin, das Problem erkannt und benannt zu haben und Gedankenexperimente darüber anzustellen, mit welcher Methode eine solche Annäherung gelingen könnte.
Benannt hat Nagel mit der Fledermaus-Frage bereits ein ganz zentrales Problem vorangegangener Erklärungsmodelle, wie etwa des Physikalismus, der davon ausgeht, dass auch mentale Ereignisse mit physikalischen Beschreibungen hinlänglich zu greifen sind, da sie auf physikalischen Ursachen und Wirkungen beruhen. Nagel kritisiert an dieser Denkweise, dass sie die subjektive Erlebnisperspektive vollständig ausklammert, obwohl die Möglichkeit, bestimmte Phänomene zu erfassen doch an ganz spezifische Perspektiven gebunden ist. Es bleibt aus seiner Sicht dennoch zu einem gewissen Grad möglich, objektivierbare Beschreibungen subjektiven Erlebens festzuhalten und sie als Typus zu begreifen, sofern das zu beobachtende Objekt ausreichend Ähnlichkeiten aufweist, damit das beobachtende Subjekt seine Perspektive einnehmen kann.
Zweifelsfrei ist es der Wissenschaft und ihren biologischen wie physikalischen Erkenntnissen allen voran wohl Charles Darwin geschuldet, dass der Mensch überhaupt dazu in der Lage ist, sich gedanklich in die Verwandtschaft zu Tieren zu bringen. Die Frage wiederum nach den Unterschieden etwa nach der Seele des Menschen in Abgrenzung zu einem davon grundsätzlich verschiedenen Bewusstsein der Tiere ist eine geisteswissenschaftlich-philosophische, der sich nicht allein durch naturwissenschaftliche Vermessungen anzunähern ist.
Das ambivalente Verhältnis zwischen Mensch und...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 423 / 424

Differenzierung – Zum Thema Hund und Katze

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