Johanna Adam

Der unglaubliche Hirst

Johanna Adam

Ein Spiel mit dem Kunstmarkt

Der britische Maler, Bildhauer und Konzeptkünstler Damien Hirst zählt zu den prominentesten und gleichzeitig umstrittensten Künstler der Gegenwart. Eine große Ausstellung seiner Werke wurde während der Biennale in Venedig gezeigt unter dem Titel Treasures from the Wreck of the Unbelievable. Dieser Beitrag geht verschiedenen Sichtweisen auf die Großschau nach.

Dies ist die erste Ausstellung, die zwei prominente Orte den Palazzo Grassi und Punta della Dogana in Venedig, die großen Privatmuseen des Sammlers Francois Pinault gleichzeitig bespielt. Und das während der Biennale, wenn hunderttausende von Kunstbegeisterten die Lagunenstadt bereisen. Mehr Aufmerksamkeit geht kaum! Insgesamt 5000 qm Ausstellungsfläche nimmt Damien Hirst dafür in Anspruch. In der Dimension ein anspruchsvolles Unterfangen, in der Qualität jedoch so umstritten wie kaum eine andere Ausstellung eines Künstlern in den letzten Dekaden.
Die Pressestimmen reichten von „Fake Art im Palazzo des Milliardärs, „Protzausstellung und „Lug und Trug in Venedig bis hin zu „Gigantomanie, „Kitsch und „Havarie der Gegenwartskunst. Einzig in den britischen Medien waren vermehrt auch positive Stimmen zu vernehmen, die von mythischer Kraft und allegorischem Ausdruck dieses künstlerischen Wurfes zu berichten wussten. Die deutschsprachige Fachpresse war sich derweil in ihrem Urteil über den millionenschweren britischen Künstler weitgehend einig und nur wenige Kritiker unternahmen überhaupt den Versuch, einen tieferen Sinn in die Ausstellung hineinzulesen. Anerkennung wurde wenn überhaupt eher der Kühnheit des Briten gezollt sowie seinem Geschick, die Strippen des Kunstmarktes wieder einmal präzise und gekonnt gezogen zu haben.
Nicht grundlos hat Hirst die Eröffnung dieser Ausstellung wenige Wochen vor dem offiziellen Beginn der Biennale stattfinden lassen. Die Parallelität zur Laufzeit der internationalen Großausstellung erklärt sich von selbst. Für den etwas früheren Eröffnungstermin gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze: Der Vermutung, Hirst habe nicht mit der Biennale um die Aufmerksamkeit konkurrieren wollen, steht der seinem Temperament freilich viel eher entsprechende Gedanke entgegen, es handele sich dabei um marktspezifisches Kalkül. Zur Eröffnung der Biennale sollte ein Großteil der Werke womöglich schon verkauft sein. Dies würde sich einerseits positiv auf den Marktwert auswirken, der zu jenem Zeitpunkt, wenn die Lagunenstadt von reichen Sammlern geradezu per Jacht bepilgert wird, möglichst hoch sein sollte. Zum anderen trüge es zum Narrativ der Ausstellung selbst bei. Denn dieses dreht sich ganz massiv um den großen Reichtum eines Sammlers und um Hirst selbst.
Fiktion und Inszenierung
Die Geschichte, mit der Hirst seine Ausstellung umstrickt, ist im Grunde recht zügig erzählt: Vor etwa 2000 Jahren habe ein schwerreicher Sammler vormals Sklave all seine Schätze auf sein Schiff, die Apistos (die Unglaubliche), geladen. Das Schiff havarierte, die Kostbarkeiten sanken auf den Meeresgrund, von wo sie nun Hirst sei Dank! geborgen werden konnten.
Der Künstler ist so eine weitere Pointe Teil seiner eigenen Fiktion, die er salopp mit der Realität verknotet: Kurz nach seiner legendären Auktion, bei der Hirst im Jahr 2008 durch die Versteigerung zahlreicher eigener Werke ein Vermögen eingenommen hat, sei er von den Entdeckern des Wracks kontaktiert worden, um die Bergung finanziell zu ermöglichen.
Hirst tritt in dieser Erzählung also nicht in erster Linie als Künstler in Erscheinung, sondern als Investor. Die filmische Dokumentation, so die Geschichte weiter, solle später bei den Filmfestspielen von Venedig vorgeführt werden.
So weit, so gut: der grobe Plot einer Erzählung, die das Potenzial hat, interessant zu werden wenn man ihr denn Tiefen verschaffte, geistreiche Wendungen gäbe und vielleicht sogar eine Erkenntnis daraus entstehen ließe. Oder sie...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 417 / 418

Kunst. Geschichte begegnen

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