Katja Gunkel

Das Smartphone berühren!

Katja Gunkel

Ein Werk von Britta Thie

In ihrer Serie Tender Buttons avancieren die Spuren gestischer Smartphone-Nutzung zum zentralen Bildgegenstand. Mit der gewählten visuellen Form thematisiert Britta Thie den privilegierten Körperbezug mobiler Endgeräte und betont die emotionale Natur dieser Objektbeziehung.

„Im stroking my touchscreen until my sweats traces remind me of IKEA paintings. Britta Thie
Was auf den ersten Blick minimalistisch und abstrakt anmutet, offenbart sich bei näherem Hinsehen als fotorealistische Abbildung des zeitgenössischen Konsumobjektes par excellence des iPhones.
Die gestalterische Stringenz und die signifikanten Merkmale des Gehäusedesigns ermöglichen hierbei auch ohne zusätzliche Kontextinformationen eine eindeutige Identifizierung des dargestellten Gerätetyps. Die Bildserie Tender Buttons The Sweat on Retina Series aus dem Jahr 2012 besteht aus insgesamt sieben Einzelarbeiten, allesamt Digitalscans vom Touchscreen eines iPhone 4s, das so ist anzunehmen der Künstlerin selbst gehört.
Thie zeigt das Gerät im ausgeschalteten Zustand: Nicht illuminiert verschmilzt das berührungsempfindliche Display optisch mit Gehäuse und Bildhintergrund zu einer hermetisch wirkenden, tiefschwarzen Fläche. Das minimalistische und monolithische Gehäusedesign des iPhones repräsentiert hierbei idealtypisch den vom Philosophen Wolfgang Welsch als Charakteristikum postmoderner Ästhetik identifizierten Universaltrend zur Gestaltung perfekter, „reiner Oberflächen (Welsch 1991).
Indem die Künstlerin die Objekt-Qualitäten des technischen Apparates fokussiert, führt sie dessen Dinghaftigkeit und materielle Eignung als Trägermedium analoger Bildinformationen vor. Die indexikalische Natur der Schlieren auf der hochglänzenden Glasoberfläche kündet von einer konkret physischen Verbindung zwischen Gerät und Nutzerin. In diesem Sinne sind jene gestischen Spuren semiotische Repräsentationen einer gewesenen Subjekt-Objekt-Beziehung ästhetische Relikte des Objektgebrauchs.
Inszenierte Zweckentfremdung Das Display als Leinwand
Schubsen, Stauchen, Strecken oder Wischen sind nur einige der standardisierten Handbewegungen, auf denen die haptische Navigation durch Inhalte und Anwendungen des Smartphones basiert. Inaktiv wird das Interface von seiner primären Funktion als Medium der gestenbasierenden Mensch-Maschine-Interaktion suspendiert. Obgleich sich das Gerät damit nicht im herstellerseitig intendierten Sinne gebrauchen lässt, ist es keineswegs afunktional. Auf seine materielle Oberfläche reduziert, fungiert es für die Künstlerin vielmehr als eine Art Malgrund: eine leere schwarze Leinwand, auf welcher sich der Duktus ihres Hautfetts und Schweißes abbilden kann.
Britta Thie macht sich in ihrer Arbeit einen gewöhnlich marginalisierten, gar unliebsamen Nebeneffekt des gestischen Smartphone-Gebrauchs zunutze: die mit der Dauer zunehmende Verschmutzung des Displays durch Schweiß, Talg oder Fett. Von den Fingerkuppen abgesondert, trüben diese körpereigenen Sekrete den vormals klaren Blick auf das Display immer stärker und beeinträchtigen sukzessive die Lesbarkeit der dargestellten Inhalte. Jenes zufällige Beiprodukt vorangegangener Touchscreen-Aktivitäten avanciert bei Thie zum Resultat intentionaler Gestaltung. Durch die subversive Umnutzung der Geräteoberfläche und die offenkundige Referenz zur künstlerischen Gattung der Malerei werden die aus der alltäglichen haptischen Interaktion mit dem Smartphone resultierenden „Schmierereien in den Kontext Bildender Kunst gestellt und derart ästhetisch aufgewertet. Unter Berücksichtigung der als Malfarbe fungierenden fetthaltigen Körperabsonderungen ließe sich Thies Werkreihe augenzwinkernd auch als zeitgemäße und zugleich exemplarische Transformation des traditionellen Ölgemäldes interpretieren.
Gestische Spuren als Indizes der Objektbeziehung
Durch Schichtung und Wiederholung tragen die gerätfüllenden abstrakten Muster zu...

Friedrich+ Kunst

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Kunst

Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 415 / 416

Mit Smartphones und Tablets

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 1-13