Anne Eßer

Schrecklich schöne Malerei

Schülerinnenarbeit (Lola von Bertrab, Q1): Das Entsetzen, Acrylmalerei
Schülerinnenarbeit (Lola von Bertrab, Q1): Das Entsetzen, Acrylmalerei, aus dem Unterricht von Anne Eßer

Anne Eßer

Negative Emotionen als Bildthema

In der hier geschilderten Unterrichtssequenz setzten sich Schülerinnen und Schüler eines Leistungskurses Kunst mit der „dunklen Seite der Psyche auseinander sowohl rezeptiv-stilgeschichtlich als auch malerisch in der eigenen Gestaltungspraxis.

Der öffentliche mediale Umgang mit den „dunklen Seiten der Psyche ist von Widersprüchen geprägt. Ein Kinderbuch wie den Struwwelpeter herauszugeben würde heute keinem Verlag einfallen. Kinderbuchautoren hüten sich in den allermeisten Fällen, so grauenvolle Ereignisse, wie sie in vielen Märchen vorkommen, zu schildern.
Andererseits stellt es keine Seltenheit dar, wenn Fünftklässler detailliert von Szenen aus Horrorfilmen oder harten Actionfilmen berichten, obwohl diese Filme nicht für ihre Altersklasse zugelassen sind. Der Erfolg von Harry Potter als Buch und Film mag unter anderem den in einer Geschichte für Heranwachsende ungewöhnlich drastischen Szenen von Angst und Schrecken zu verdanken sein. Die Altersfreigabe ab 12 Jahren wurde daher auch kontrovers diskutiert (siehe z.B. https://www.fr-v.de/ku435-focus1 oder https://www.fr-v.de/ku435-focus2).
Die „dunkle Seite als Thema von Schülerarbeiten
So wurde auch Lolas ausdrucksstarkes Bild in Grau-Violett-Tönen (Abb. 1 ) nicht in den jährlichen „Schülerkunstkalender am Schulzentrum Marienhöhe in Hessen aufgenommen und auch nicht in den Galerien von Schülerarbeiten in den Fluren der Schule präsentiert. Die Eignung eines solchen Bildes als Schulwerbung erschien zweifelhaft.
Nicht nur Erfahrungen mit negativ besetzten Gefühlen und Erlebnissen selbst, auch die Thematisierung von Darstellungen der „dunklen Seite der menschlichen Psyche oder die Bearbeitung solcher Inhalte in der ästhetischen Praxis bereiten Schwierigkeiten.
Stilgeschichtliche Akzentuierungen: Symbolismus und Expressionismus
Lolas Bild ist das Resultat einer Beschäftigung mit traditionellen malerischen Ausdrucksweisen in der Auseinandersetzung mit historischen Vorbildern.
Im Kunstleistungskurs am Schulzentrum Marienhöhe wird im ersten Halbjahr eine größere Arbeit in einer traditionellen malerischen Technik erstellt. Thematisch knüpfen die Aufgabenstellungen dabei oft an Bildtraditionen der Kunst an aus zwei Gründen:
  • Kopie und Zitat, Verfremdung und „Appropriation zählen regelmäßig zu den abiturrelevanten Themen,
  • das Verständnis historischer Werke soll durch die eigene ästhetische Praxis vertieft werden.
Um auf Bildtraditionen und Verfahrensweisen historischer Kunst zurückzugreifen, bedarf es stilgeschichtlicher Kenntnisse, die zumeist zu Beginn der Oberstufe noch lückenhaft sind. Im theoretischen Teil des Unterrichts erfolgt daher ein Überblick über die Stilgeschichte der Kunst, wobei bereits bekannte Epochen nur kurz wiederholt werden und ausführlicher auf Stilrichtungen eingegangen wird, die den Jugendlichen entweder noch unbekannt sind oder die in dem jeweiligen Kurs besonders auf Interesse stoßen. Das Thema für die praktische „Hauptarbeit kann dann entweder gemeinsam festgelegt oder von der Lehrkraft mit Rücksicht auf die erkennbar werdenden Interessen der Jugendlichen bestimmt werden.
Damit die eigene ästhetische Praxis der Jugendlichen nicht erst dann beginnen kann, wenn der gesamte Kanon der Stilgeschichte abgehandelt wurde, gehen der „Hauptarbeit verschiedene zeichnerische und malerische Übungen voran, aus denen sich für die Lehrkraft auch bereits Hinweise auf die technischen Fertigkeiten und Vorlieben der einzelnen Schülerinnen und Schüler erschließen lassen.
Im vorliegenden Fall wurden die Schülerarbeiten angeregt von den Stilepochen der Kunstgeschichte, die das Erforschen der „dunklen Seite der Psyche programmatisch verfolgen wie der Symbolismus als Spielart der Romantik und der Expressionismus. Die Entscheidung, diese Epochen zur Grundlage der praktischen Arbeit zu wählen, fiel aufgrund der Schülerinteressen, wobei sicherlich selten alle...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 435 / 436

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