Stefan Mayer

Obst aus Pompeji

Gipsabgüsse von vorgestellten unbekannten Früchten
Schülerarbeiten (Kl. 6); Obst aus Pompeji, Gipsguss, aus dem Unterricht von Stefan Mayer

Stefan Mayer

Was die alten Römer (nicht) gegessen haben

Es gehört enorm viel Vorstellungsvermögen dazu, anhand eines Negativs das dazugehörige Positiv zu imaginieren. In dieser Unterrichtseinheit rückt daher das Erstellen einer Hohlform als bildnerische Tätigkeit in den Mittelpunkt.

Besonders in der Unterstufe ist es schwer, das Verhältnis von Gussform und fertigem Guss anschaulich zu vermitteln. Grundzüge von Körperlichkeit wie Wölbungen und Vertiefungen, Formeigenschaften wie Kanten und weiche Übergänge sind genau so wie alle Oberflächeneigenschaften in jeder Gussform angelegt.
Anlass: Abwesenheit
Der Lehrplan für die sechste Klasse sieht die Auseinandersetzung mit Ausgrabungen und den Arbeitsweisen der Archäologie vor. Als Beispiel wird die Geschichte und das Schicksal Pompejis herangezogen.
Ein Film (Pompeji der letzte Tag, BBC 2007) über die letzten Stunden und Minuten von Pompeji, aufbereitet mit dramatischen Spielszenen, bannt die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler: Menschen laufen durch die Straßen und versuchen verzweifelt, dem Unheil zu entkommen. Sie kauern sich in Nischen und unter Dächern zusammen, sie halten die Hände schützend über den Kopf, sie umarmen sich. Ascheregen und pyroklastischer Strom bedecken die Stadt und alles, was dazu gehört. Besonders die Stelle des Films, an der von geheimnisvollen Hohlräumen berichtet wird, führt zu aufgeregten Fragen.
Es scheint gerade die Abwesenheit der Körper zu sein, die die Fantasie der Lernenden beflügelt. Ein Beweis für die Abwesenheit der damals präsenten Körper sind die Abgüsse der Hohlräume. Diese Gipsausgüsse lassen die menschlichen Gestalten deutlich werden. Die von dem Vulkanausbruch Schutz suchenden, sich duckenden Menschen scheinen nun in der Fantasie der Schüler wieder lebendig zu werden.
Der Gipsguss ist also die direkte Spur zum Ereignis aus dem Jahr 80 n. Chr. Er macht die menschliche Katastrophe für die Schüler sichtbar.
Aufgabe: Hohlräume
Die Unterrichtseinheit gelangt nun an einen entscheidenden Punkt: Kann man aus der Form der Hohlräume auf menschliche Formen schließen? Und: Gab es auch andere Hohlräume von Tieren oder von Dingen? Wäre es möglich, dass Obst und Gemüse auch Hohlräume erzeugt haben? Könnte es also sein, dass durch den Vulkanausbruch auch exotisches Obst und Gemüse eingeschlossen wurde? Könnten also Archäologen auch auf Hohlräume von wundersamen südländischen Früchten gestoßen sein, ohne diese jedoch bemerkt zu haben?
Es fällt naturgemäß sehr schwer, von einer negativen Form auf ihr Positv zu schließen. Dieser Vorgang erfordert Vorstellungskraft und räumliches Denken.
Der folgende Arbeitsauftrag thematisiert genau dies. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, dass es keine richtigen oder falschen Formen gibt; folglich sollte keine Abbildung einer real existierenden Form wie etwa eines Menschen oder eines Tieres Gegenstand der bildnerischen Arbeit sein.
Wie könnten Früchte vor 2000 Jahren ausgesehen haben? Es ist durchaus möglich, dass damals ganz andere Obst- und Gemüsesorten als heute existierten haben und dass es ganz eigene Arten gegeben haben könnte.
Der an diese Spekulationen anknüpfende Arbeitsauftrag lautet nun, Hohlräume von exotischen, heute unbekannten, Früchten und Gemüsesorten in Ton zu modellieren und mit Gips auszugießen.
Materialkombination: Ton/Gips
Bevor jeder Schüler einen faustgroßen Klumpen Ton bekommt, wird der Arbeitsprozess vorgeführt. Grundzüge des technischen Prozesses geben einen Rahmen dessen, was mit der Materialkombination Ton/Gips möglich ist (s. a. MATERIAL-Teil I).
Die Tonformen sollten im Wesentlichen das Gießen von Kernplastiken ermöglichen; auf dünne, lange und blatt-artige Auswüchse sollte verzichtet werden, da diese leicht abbrechen können. Trotzdem sind ausdrücklich Experimen-te möglich; wenn es nicht funktionie-ren sollte, werden die Formerfahrungen in einem zweiten Versuch berücksich-tigt.
Der Form und ihrer Oberfläche...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 421 / 422

Arbeiten mit Gips

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "Kunst und Unterricht" Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-8