Gisela Hollmann-Peissig

Mit den Händen sehen

Gisela Hollmann-Peissig

Abstrakte Formen tastend modellieren

Bewusste Wahrnehmung erfolgt fast ausschließlich durch das Sehen. „Sinnvolles Handeln, kritische Reflexion und Orientierung im Raum können jedoch nur auf der Basis von wichtigen Erfahrungen erfolgen, die wir mit allen Sinnen machen. Nur wenn wir beispielsweise wissen, dass es wehtun kann, wenn wir uns schneiden, gehen wir auch sorgsam mit einem Messer um.
Konvexe und konkave Formen bilden die Grundlage plastischer Ausdrucksweise.
In dieser Einheit steht das Erkunden dieser Formen mit den Händen im Vordergrund.
Durch das Modellieren mit Ton können Schülerinnen und Schüler viel erfahren über das Arbeiten mit weichem, elastischem aber auch sprödem Material.
Da in dem Sehen ein hohes Ablenkungspotenzial steckt, sei es der auf dem Stuhl kippelnde Mitschüler, das interessante Federmäppchen, das Smartphone heimlich unterm Tisch etc., werden die Augen bei der Unterrichtseinheit zeitweilig verbunden. So können die Schüler sich ganz auf taktile Erfahrungen konzentrieren und neue „Sichtweisen auf das betastete Material bekommen.
Wie fühlt es sich an, nichts zu sehen?
Zu Beginn der (Einzel-)Stunde frage ich die Schüler, ob sie sich vorstellen können, wie es wäre, blind zu sein. Die meisten finden diese Vorstellung spannend und würden es gern einmal ausprobieren, aber die Augen zu schließen fällt schwer. Also verteile ich Augenbinden, die ich aus einem alten Bettlaken gerissen habe.
Arbeitsauftrag 1
  • Erkunde einen Gegenstand zunächst blind, dann zeichnend. Gehe dabei folgendermaßen vor:
  • Setze die Augenbinde auf.
  • Untersuche vorsichtig, aber ganz genau, den Gegenstand, den du vor dir auf den Tisch gelegt bekommst. Du hast dafür 5 Minuten.
  • Du darfst dich dabei melden und die Tastwahrnehmungen der Klasse mitteilen.
  • Der Gegenstand wird nun wieder eingesammelt und auf ein Tablett gelegt.
  • Auf mein Kommando nimmst du die Augenbinde ab und zeichnest deinen Gegenstand, so genau wie möglich, auf ein Blatt Papier.
  • Nun suche „deinen Gegenstand auf dem Tablett heraus.
  • Vergleiche ihn mit deiner Zeichnung. Was fehlt auf der Zeichnung? Oder was war beim Tasteindruck besser erfahrbar als durch das Sehen?
Es ist interessant, den Schülern bei ihren Erkundungen zuzusehen. Diejenigen, die ihren Gegenstand nicht identifizieren können, beschreiben ihn mündlich umso genauer. Ein Stück Styropor fühlt sich warm an, während ein Metallstück mit Gewinde kalt und glatt wirkt. An den Steinen werden Unebenheiten entdeckt, die vielleicht mit bloßem Auge übersehen worden wären. Mehrmals werden die Kanten und Einkerbungen untersucht und in den Händen hin und her gewendet.
Währenddessen ermuntere ich die Schüler, ihre Gegenstände den Nachbarn zu geben. Auf diese Weise finden zwischen den „blinden Schülern emsige Gespräche statt.
Je weniger die Schüler von ihrem Gegenstand erkennen, desto genauer versuchen sie auch, das Erlebte zeichnerisch zu erklären. So werden beim kleinen Flaschenkürbis viele kleine Ausbuchtungen eingezeichnet. Die halbe Kokosnussschale mit ihrer recht glatten Innenseite und dem faserigen Äußeren ist schwer zu identifizieren und erst recht schwer zu zeichnen.
Als die Schüler im Anschluss ihren Gegenstand auf dem Tablett identifizieren, scheinen viele Schüler eine Art Wiedererkennungsfreude zu empfinden. Lebhaft tauschen sie ihre Erlebnisse mit den anderen aus.
Arbeitsauftrag 2 (für zu Hause)
Verbringe einen von dir bestimmten Zeitraum mit verbundenen Augen. Du sollst dich dabei in einem sicheren Umfeld befinden und keine riskanten Dinge tun. Erledige Dinge des Alltags, wie z.B. Essen, Unterhaltungen, Aufräumen. Bewege dich in dir bekannten Räumen oder lass dich führen. Was erlebst du dabei?
Die Besprechung der Hausaufgabe in der nächsten Stunde ergibt sehr unterschiedliche Erlebnisse. Einige Schüler haben nur wenige Minuten, ohne sehen zu können, verbracht, andere bis zu einem halben Tag, mit vielfältigen Erlebnissen. Allen aber ist bewusst...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 56 / 2019

Hände

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "Kunst 5-10" Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8